20. Lektion - lectio vicesima (viginti 20)


Inhalt:


Einleitung

Gestern wies ich Sie auf einige Ovid-Quellen hin.
Den lateinischen Text des dritten Buches, aus dem wir einen Ausschnitt lesen werden, finden Sie
auch in
http://www.gmu.edu/departments/fld/CLASSICS/ovid.met3.html

Heute wollen wir die ersten fünf Verse aus dem dritten Buch der Metamorphosen studieren. Die Metamorphosen sind im Hexameter geschrieben, dem sog. epischen Versmaß.

Ovidius, Metamorphosen III, 1-9

(Hexameter:
È È | È È | È È | È È | È È | È )

Der erste Vers aus dem dritten Buch der Metamorphosen lautet:

1. Iamque deus posita fallacis imagine tauri

Wenn Sie sich an das Rezept zum Hexameter aus der vorigen Lektion halten, gelangen Sie ohne Schwierigkeiten zur folgenden skandierten Form. (Zum Skandieren brauchen Sie die Wörter nicht zu kennen. Das i in tauri müssen Sie als lang annehmen, wenn Sie davon ausgehen, daß es sich um den Genitiv Sing. der 2. Dekl. handelt. Drei Silben sind durch Position lang: iam, us, fal. Die Silben ta, la, ma, tau, ri müssen naturlang sein.)

Iäm-que de- | üs po-si- | tâ || fäl- | lâ-cis i- | mâ-gi-ne | tau-rî

Jetzt können Sie versuchen, die Wörter zu deuten: positâ wird Ablativ Sing. der 1. Dekl. sein, fallâcis ist wegen der kurzen Endung -is vermutlich Genitiv Sing. der 3. Dekl. Das kurze e in imâgine deutet auf Ablativ Sing. der 3. Dekl. hin. Wahrscheinlich gehören positâ imâgine nach Ablegung der Gestalt als Ablativus absolutus zusammen. Das Prädikat positâ gehört zum Verb pônô, posuî, positum, ponere ablegen, und die Gestalt, das Bild ist imâgo, inis f.
fallâcis
und taurî des trügerischen Stiers gehören natürlich auch zusammen: fallâx, âcis trügerisch; taurus, î m der Stier.
Der ganze Vers lautet demnach: Und schon hatte der Gott, nachdem er die Gestalt des trügerischen Stieres abgelegt hatte,- (einen besseren Sinn ergibt: die trügerische Gestalt des Stieres).

Einschub: Der Kadmos-Mythos

Wenn Sie gar nicht wissen, worum es sich handeln könnte, ist dieser Vers bestimmt ziemlich dunkel. Die Sache wird auch nicht viel klarer, wenn wir noch die nächsten Verse übersetzen.
Ich erzähle Ihnen also zuerst einmal, was da abläuft.
Es ist Ihnen sicherlich bekannt, daß Jupiter (griechisch Zeus) beim Anblick eines hübschen Mädchens schnell durchdrehte. Wenn er sich in diesem Zustand befand, kam er auf die unsinnigsten Ideen. Stellen Sie sich nur vor, was er damals machte, als er die hübsche Europa am Meeresufer baden sah: er verwandelte sich in einen zahmen weißen Stier! Ohne auf Einzelheiten einzugehen, steht fest, daß er das anziehende Mädchen übers Meer nach Kreta transportierte, wo sie ihm Minos, Rhadamanthys und Sarpedon gebar. Zugetragen hat sich das alles vermutlich gegen 1500 v.Chr. -oder auch viel früher.
Europa war die Tochter des phönikischen Königs Agenor und der Telephassa. Ihr Bruder hieß Cadmus, griechisch Kadmos, und er wird der Held unserer Geschichte sein. Denn Agenor schickt Cadmus -und seine Brüder- los, die Schwester zu suchen. Falls er sie nicht findet, kann er auch gleich wegbleiben. Kadmus sucht die ganze Welt nach Europa ab, gibt schließlich -auf Anraten des Orakels in Delphi- auf, gründet (gegen 1500 v.Chr.) in Böotien die Stadt Theben -die etwa 200 Jahre lang existieren sollte- und heiratet die Göttin Harmonia, Tochter des Ares (lat. Mars) und der Aphrodite (lat. Venus).
Dem Cadmus wird zunächst aber noch übel mitgespielt werden. Unter anderem hat seine Tochter Semele ebenfalls ein Verhältnis mit Zeus, dem Dionysos (lat. Bacchus) entsprang. Nach Jahren der Herrschaft verzichtet er auf den thebanischen Thron und wandert mit Harmonia nach Illyrien aus (warum wohl?). Hochbejahrt wurden beide (von Ares) in Schlangen verwandelt, aber später ins Elysium entrückt, wo sie seitdem zusammen mit Heroen und Gerechten ein ewiges Leben in ewigem Frühling genießen. (Die Schlange ist das Symbol der Unsterblichkeit).

Für Ovid ergab das Schicksal des Cadmus natürlich eine weitere Verwandlungsgeschichte und gehörte demnach in die Metamorphosen.
(Ich rate Ihnen, sich die Übersetzung von Voss durchzulesen. Sie finden sie bei Gutenberg: http://gutenberg.aol.de/ovid/metamor/metamor.htm .)

Also gut, Zeus hat seine Stiergestalt abgelegt. Aber wie er nun aussieht, verrät Ovid nicht (angeblich hatte er sich in einen Adler verwandelt!). Er sagt uns im zweiten Vers nur, daß er sich zu erkennen gibt und die diktäischen Gefielde bewohnt. (Als Zeus sich der Semele zu erkennen gab, wurde sie auf der Stelle von seinen Strahlen verbrannt und in Kohle verwandelt. Erkennen kann also vieles bedeuten.)
Das soll heißen, er hält sich jetzt mit seinem Schatz in Kreta auf. Dort gab es einen Berg, der Dikte hieß, und dictaeus, a, um ist einfach kretisch (diktäisch). Die Dictaea rûra sind die kretischen Fluren, (rûs, rûris n das Land, rûra die Gefielde, die Fluren).
Die angefangene Periode erstreckt sich noch über vier weitere Verse. Versuchen Sie doch, die richtige Skandierung selbst zu finden, und vergleichen Sie dann Ihre Arbeit mit der meinigen, O.K.?
2. se confessus erat Dictaeaque rura tenebat
3. cum pater ignarus Cadmo perquirere raptam
4. imperat et poenam si non invenerit addit
5. exilium: facto pius et sceleratus eodem.

sê cônfitêrî sich zu erkennen geben (côn-fiteor, fessus sum, fitêrî bekennen)
ignârus, a, um
nichts wissend, nichts ahnend
perquîrô, perquîsîvî, perquîsîtum, perquîrere genau suchen, durchsuchen
addô, addidî, additum, addere
hinzufügen (ein Additum ist also etwas Hinzugefügtes).
in-venîre finden
pius, a, um fromm, liebreich
scelerâtus, a, um frevelhaft, grausam (scelus, eris m der Schurke)
factum, î n die Tat, die Handlung

2. sê côn- | fës-sus e- | rät Dïc- | tae-a-que | rû-ra te- | nê- bat
Naturlange Silben: se, tae, ru, ne
Positionslange Silben: con, fes, rat, Dic (" " kennzeichnet positionslange Silben.)
(con
ist auch naturlang, denn vor nf, ns, nct, gn ist ein Vokal immer lang, vgl. 1. Lektion.)
Wenn Sie die Längenbezeichnung " " beim Lesen stört, so lassen Sie sie einfach weg. Sie spüren, daß nach der dritten Hebung (Arsis) eine Pause (Cäsur) zu machen ist. Alle fünf Verse haben diese Penthemimeres. (Penthemimeres bedeutet nach dem fünften halben Teil. Zwei Kürzen gelten dabei als ein halbes Teil. Man findet in der Poesie aber auch Verse mit anderen Einschnitten, z.B. die Trithemimeres nach der zweiten, oder die Hephthemimeres nach der vierten Hebung -eigentlich umfassen sie 3 bzw. 7 Halbteile.)

sê côn- | fes-sus e- | rat || Dic- | tae-a-que | rû-ra te- | nê- bat

Beachten Sie bitte beim Lesen Längen und Kürzen. Dabei müssen Sie iktierend lesen, d.h. beim Hexameter ist die erste Silbe eines jeden Fußes zu betonen, d.h. lauter auszusprechen. (Ob die Römer selbst derart lasen, ist nicht ganz geklärt, vielleicht lasen sie die Verse mit Prosabetonung und Frequenzsteigerung anstelle von Intensitätsverstärkung: sê cônfessus erat Dictaeaque rûra tenêbat. Wie dem auch sei, fest steht, daß seit etwa 1600 die iktierende Deklamation an deutschen Schulen gepflegt wird, vgl. auch 13. Lektion.)

3. cüm pa-ter | ï-gnâ- | rüs Cäd- | mô për- |
quî-re-re | räp-tam (spr. ing-nârus)
Naturlange Silben: gna, qui, mo (als Dativ Sing. der 2. Dekl.)
Positionslange Silben: cum, i, rus, Cad, per, rap

cum pa-ter | i-gnâ- | rus || Cad- | mô per- | quî-re-re | rap-tam

4. ïm-pe-rat | ët poe- | näm sî | nôn ïn- |vê-ne-rit | äd-dit
Naturlange Silben: poe, si, non, ve
Positionslange Silben: im, et, nam, in, ad

im-pe-rat | et poe- | nam || sî | nôn in- |vê-ne-rit | ad-dit

5. ëx-i-li- | üm: fäc-| tô pi-us | ët sce-le-| râ-tus e-| ô-dem.
Naturlange Silben: ra, to und o sind Abl. Sing. der 2. Dekl.
Positionslange Silben: ex, um, fac, et

(Bei e-ô-dem ist die Regel "Vokal vor Vokal ist i.a. kurz" erfüllt.)

ex-i-li- | um: fac-| tô || pi-us | et sce-le-| râ-tus e-| ô-dem

Was aber heißt das alles auf Deutsch? Der erste Vers "steht", machen wir uns an den zweiten!

sê cônfessus erat Dictaeaque rûra tenêbat

Offenbar ist deus Subjekt des Satzes, und sê cônfessus erat und tenêbat sind die Prädikate.
er hatte sich zu erkennen gegeben und bewohnte (tenêbat) die diktäischen Flure

Nun zum dritten Vers:

cum pater ignârus Cadmô perquîrere raptam (imperat)

als der ahnungslose Vater dem Kadmus befiehlt, die Geraubte zu suchen

Im nächsten Vers steht ein weiteres Verb, das zu cum gehört: addit er fügt hinzu, nämlich das exilium die Verbannung -und das für den Fall, daß er (sie) nicht gefunden haben sollte sî nôn invênerit.
invênerit
ist 3. Sing. Konj. Perf. Aktiv., poenam als Strafe ist eine prädikative Bestimmung.
Im fünften Vers stehen noch zwei Attribute zu pater, nämlich pius und sceleratus. Der Vater war durch dieselbe Handlung, factô eôdem, zugleich fromm (seiner Tochter gegenüber) und frevelhaft (in Bezug auf seinen Sohn).

Der Kadmos-Mythos gehört sicher zu den bedeutendsten griechischen Mythen. Wenn Sie sich näher informieren wollen, so lesen Sie z.B. die Europa- und Kadmos-Kapitel in Marianne Nichols: Götter und Helden der Griechen, Scherz Verlag. Natürlich wartet das Internet mit einer Fülle von Arbeiten über Mythologie auf, einfach mal nachschauen, z. B. mit Hilfe der Suchmaschine Altavista. Für wirklich ernsthafte Studien hat man sich allerdings in eine gute Bibliothek zu begeben, wo sich eventuell auch W.H. Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, 6 Bde., München 1884-1937 oder auch L. Preller u. C. Robert, Griechische Mythologie, 5 Bde., Berlin 1887-1926 befinden.

Ich möchte Sie aber noch auf eine andere, unterhaltsame und lehrreiche Quelle für die Plots (nackte Schilderung der Vorkommnisse) griechischer Mythen hinweisen: Hyginus, Fabulae. Das ist eine Sammlung von antiken Sagen (Mythen), die vielleicht gegen 200 n.Chr. von einem unbekannten Autor zusammengestellt wurde. Hygin ist also einfach nur eine Bezeichnung dieser in einfacher Sprache verfaßten Mythen-Sammlung, die sich auch vorzüglich für den Lateinunterricht eignet. Sie können sich eine zweisprachige Auswahl aus dieser Sammlung bei dtv kaufen (ISBN 09350). Die Übersetzung stammt von F.P. Waiblinger, der im selben Verlag den antiken -ebenfalls leicht lesbaren!- Roman Die Geschichte vom König Apollonius zweisprachig herausgegeben hat. Waiblinger hat beide Texte sogar im Internet veröffentlicht -allerdings ohne Übersetzung:

http://www.klassphil.uni-muenchen.de/~waiblinger/texte/hist/hist.html

http://www.klassphil.uni-muenchen.de/~waiblinger/texte/hyglat.html

 

zurück


Grammatik

 

Griechische Deklination

In den Übungen zur Grammatik (1. Satz) treffen wir auf die Deklination des griechischen Frauennamens Semele. Wenngleich der unverheiratete Griechenlandtourist gängige griechische Mädchennamen drauf haben sollte, ist es doch unwahrscheinlich, daß Semele ihm irgendwie von Nutzen sein könnte.
Für den Lateintreibenden ist es jedoch nützlich, griechische Namen lateinisch deklinieren zu können. Hier ist die Deklination von Semele (auf den Plural dürfen wir verzichten):

Semelê, Semelês, Semelae, Semelên, Semelê.

Soviel kann man sagen: Die Römer haben die griechische Deklination der Namen (es gab im Griechischen drei Deklinationen) möglichst entstellt, und das nicht mal einheitlich. Für die Männernamen Aenêâs und Anchîsês hat Vergil eine Art Deklinationsstandard angegeben, dem viele Autoren folgen:
Aenêâs, Aenêae, Aenêae, Aenêân, Aenêâ, Aenêâ
Anchîsês, Anchîsae, Anchîsae, Anchîsên, Anchîsâ, Anchîsâ
Beide Namen gehören der 1. Deklination an. Der Ablativ (Aenêâ, Anchisâ) mußte neu gebildet werden, da das Griechische ohne ihn auskommt. In diese Deklination gehören auch die Eigennamen Circê (Gen. Circae oder Circês, Akk. Circên) und unsere Semelê.
Wir wollen hier nicht weiter die "griechische Deklination" verfolgen. Wenn einmal ein griechischer Eigenname autauchen sollte, werden wir seine Deklination besprechen. Nur eine Regel wollen wir uns noch merken: Griechische Eigennamen auf -ôn behalten ihr -ôn (Xenophôn) oder auch nicht (Platô).

 

Nochmals a.c.i.

Gestern gab's bei den Übungen zur Lektüre einige Sätze mit a.c.i.-Konstruktionen. Was liegt also näher, als sich nochmals um den Accusativus cum Infinitivo zu kümmern. (Der a.c.i. ist ein Satzteil und kein selbständiger Satz, auch wenn er oft als Nebensatz übersetzt wird. Er sollte daher nicht mit einem Komma abgetrennt werden.)

1. Verba dicendi:
dîcere sagen
docêre lehren
nûntiâre ankündigen
affirmâre versichern
dêmônstrâre zeigen, beweisen
narrâre erzählen
fatêrî, cônfitêrî gestehen
certiôrem facere benachrichtigen

2. Verba sentiendi:
sentîre fühlen
audîre hören
vidêre sehen
intellegere einsehen
sperâre hoffen
scîre wissen
arbitrârî (und cênsêre, dûcere, exîstimâre, putâre) meinen, glauben
ignôrâre und nescîre nicht wissen

 

zurück


Übungen zur Grammatik

Versuchen Sie zu übersetzen

 

Lösungen:

 

zurück

 


Lektüre

BG I,13

1.

Hôc proeliô factô reliquâs côpiâs Helvetiorum ut cônsequî posset, pontem in Arare faciundum cûrat atque ita exercitum trâdûcit.

2.

Helvetii repentînô eius adventû commôtî cum id, quod ipsî diêbus vîgintî aegerrimê cônfêcerant, ut flûmen trânsîrent, ûnô illum diê fêcisse intellegerent, lêgâtôs ad eum mittunt; cuius lêgâtiônis Dîvicô princeps fuit, quî bellô Cassiânô dux Helvetiorum fuerat.

3.

is ita cum Caesare êgit: sî pâcem populus Rômânus cum Helvêtiîs faceret, in eam partem itûrôs atque ibi futûrôs Helvetios, ubî eôs Caesar cônstituisset atque esse voluisset;

4.

sîn bellô persequî persevêrâret, reminiscerêtur et veteris incommodî populî Rômânî et prîstinae virtûtis Helvêtiôrum.

5.

quod imprôvîsô unum pagum adortus esset, cum iî, quî flûmen trânsîssent, suîs auxilium ferre nôn possent, nê ob eam rem aut suae magnopere virtûtî tribueret aut ipsôs dêspiceret.

6.

sê ita a patribus mâiôribusque suis didicisse, ut magis virtûte quam dolô contenderent aut însidiîs nîterentur.

7.

quârê nê commiteret, ut is locus, ubi cônstitissent, ex calamitâte populî Rômânî et interneciône exercitûs nomen caperet aut memoriam prôderet.

 

 

zurück


Übersetzung

wörtliche Übersetzung

1.

Diese Schlacht gemacht die übrigen Truppen der Helvetier damit einholen er könnte, eine Bucke im Arar zu machen er sorgt und so das Heer er führt hinüber.

2.

Die Helvetier plötzlich desselben Ankunft bewogen da das, was sie selbst in Tagen zwanzig mit der größten Mühe zuwege gebracht hatten, daß den Fluß sie überschritten, an einem daß jener Tag getan habe sie sahen ein, Gesandte zu ihm schicken; welcher Gesandtschaft Divico der erste ist gewesen, der im Krieg Cassianischen Führer der Helvetier gewesen war.

3.

Dieser so mit Caesar verhandelte: wenn Frieden das römische Volk mit den Helvetiern machte, in den Teil gehen werden und dort sein werden die Helvetier, wo sie Caesar angesiedelt hätte und sein gewollt hätte;

4.

wenn aber durch Krieg zu verfolgen er fortführe, so sollte er sich erinnrn sowohl des alten Nachteils des römischen Volkes als auch der damaligen Tapferkeit der Helvetier.

5.

Wenn unversehens einen Volksstamm er angegriffen hätte, als diejenigen, die den Fluß überschritten hätten, den ihrigen Hilfe bringen nicht konnten, nicht wegen dieser Sache entweder seiner sehr Tapferkeit solle zuschreiben oder sie selbst verachten.

6.

Sie so von Vätern und Vorfahren ihren hätten gelernt, daß mehr mit Tapferkeit als mit Tücke stritten oder auf Hinterlist stützten.

7.

Deshalb nicht er solle verschulden, daß der Ort, wo sie stünden, aus einer Niederlage des römischen Volkes und der Aufreibung des Heeres seinen Namen nähme oder das Andenken überlieferte.


freie Übersetzung

Nach dieser Schlacht läßt Caesar, um die restlichen Truppen der Helvetier einholen zu können, eine Brücke über die Saône schlagen, und führt so das Heer hinüber.
Die Helvetier waren durch sein plötzliches Auftauchen bestürzt, denn sie selbst hatten den Fluß mit größter Mühe in zwanzig Tagen überquert, und mußten feststellen, daß er es in einem Tag geschafft hatte. Sie schicken daraufhin eine Gesandtschaft zu ihm, an deren Spitze Divico stand, der im Krieg gegen Cassius der Führer der Helvetier gewesen war.
Dieser verhandelte folgendermaßen mit Caesar
: Wenn das römische Volk mit den Helvetiern Frieden schlösse, so würden die Helvetier dorthin gehen und da bleiben, wo Caesar sie ansiedele und wünsche, dass sie bleiben.
Wenn er aber fortfahre, sie mit Krieg zu verfolgen, so sollte er sich der alten Niederlage des römischen Volkes und der früheren Tapferkeit der Helvetier erinnern.
Daß er unversehens
(d.h. ohne Warnung) einen Stamm angegriffen hätte, während diejenigen, die den Fluß überquert hätten, den ihrigen nicht zur Hilfe kommen konnten, sollte er nicht seiner großen Tapferkeit zuschreiben noch sollte er sie selbst geringschätzen.
Sie hätten es so von ihren Vätern und Vorfahren gelernt, mehr mit Tapferkeit zu kämpfen als sich auf Tücke und Hinterlist zu verlassen.

Er sollte es daher nicht dazu kommen lassen, daß der Ort, an dem sie ständen, nach einer Niederlage des römischen Volkes und der Aufreibung seines Heeres benannt werde oder das Andenken daran überliefere.

 

 

zurück


Worterklärungen

Verben

cônsequor, cônsecûtus sum, cônsequî einholen (sequî folgen Dep. 3. Konj.; secundum längs, gemäß, z.B. Evangelium secundum Lucam, griech.: kata Loykan)
persequî verfolgen (4. Zeile)
in flûmine pontem facere über den Fluß eine Brücke machen (schlagen)
pontem faciundum ( Gerundivum, Nebenform zu faciendum) cûrâre eine Brücke bauen lassen
cûrâre sorgen (+ Gerundivum = lassen; kurieren, die Kur)
persevêrâre beharren
reminîscor, recordâtus sum, reminîscî sich erinnern (id, hoc usw., sonst mit Genitiv)
Dep. 3. Konj.
tribuô, uî, ûtum, tribuere zuteilen, zuschreiben, pochen auf, (tribûtus, ûs m die Abgabe)
adorior, adortus sum, adorîrî angreifen
dêspiciô, dêspexî, dêspectum, dêspicere verachten (despektierlich);
Es handelt sich um ein Verb der 3. Konjugation auf -io.
nîtor, nîsus sum (oder nîxus sum), nîtî sich anstrengen, sich bemühen
(însidiîs nîtî sich auf Überfälle (Hinterhalte) stützen)
com-mittô, mîsî, missum, mittere verüben, dahin kommen lassen
cônsistô, cônstitî, cônsistere sich hinstellen, Halt machen
prôdô, prôdidî, prôditum, prôdere verraten, überliefern

Sonstige Wörter und Erklärungen

repentînus, a, um plötzlich
commôtus, a, um bewegt, bestürzt
aegerrimê aergerlich, mit größter Mühe
bellum Cassiânum der Krieg gegen Cassius
sîn wenn aber
incommodum, î n Nachteil, Niederlage
prîstinus, a, um vormalig, früher; imprôvîsô unversehens
dolus, î m Betrug, Hinterlist
internecio, ônis f (völlige) Vernichtung, Aufreibung

 

Zeile 1

Die Periode wird von einem Ablativus absolutus eröffnet: nachdem diese Schlacht geschlagen war. Hierauf folgt ein Finalsatz: ut (Caesar) ... posset cônsequî damit (Caesar) einholen könnte (das zugehörige Objekt reliquas copias steht auf die Frage wen? oder was?).
Der HS besitzt die beiden Präsens-Prädikate cûrat und trâdûcit.

Zeile 2

HS: Helvetii ... mittunt; die H. waren durch die plötzliche Ankunft Caesars (eius) bestürzt, commôtî. In den NS cum ... intellegerent als ihnen klar wurde ist der a.c.i. illum id uno die fecisse daß jener das an einem Tag gemacht habe eingeschoben (diês, diêî ist hier nicht als Termin zu verstehen, ist also maskulin).
Aber in diesem a.c.i. stecken noch zwei weitere Nebensätze!
Der Relativsatz quod ... confecerant und der erklärende Nebensatz ut flumen transire nämlich den Fluß zu überqueren.
Mit dem relativen Anschluß cuius lêgâtiônis (anstelle von huius legationis dieser Gesandtschaft) wird noch ein Satz angefügt, der uns darüber informiert, daß Divico Chef der Mission ist und daß er bereits 107 v.Chr. dabei war, als Cassius geschlagen wurde. (Wenn er damals 31 Jahre alt war, zählt er jetzt 80 Jahre!)
Diesen ganzen Nebensatzsalat müssen wir jetzt irgendwie in lesbares Deutsch verwandeln. Dabei kann es kaum ausbleiben, daß wir mehrere Kommas durch Punkte ersetzen müssen.
Folgende Teilaussagen könnten wir z.B. herausschälen -und anschließend verbinden:

1. Die Helvetier waren durch sein plötzliches Auftauchen bestürzt.
2. Sie selbst hatten den Fluß mit größter Mühe in zwanzig Tagen überquert, und mußten feststellen, daß er es in einem Tag geschafft hatte.
3. Sie schicken eine Gesandtschaft zu ihm, an deren Spitze Divico stand, der im Krieg gegen Cassius der Führer der Helvetier gewesen war.

Zeilen 3/4

Nun erzählt Caesar, was Divico vorbrachte. Es wird eine lange indir. Rede (ôrâtiô oblîqua).
Wir haben dabei im Wesentlichen zwei Dinge zu beachten, die wir bereits in der 12. Lektion anführten:

(1) Alle Hauptsätze der direkten Rede erscheinen in der indir. Rede im a.c.i., wenn sie eine Aussage enthalten -sonst im Konjunktiv.
(2) Alle Nebensätze der indir. Rede stehen im Konjunktiv.

(Wenn wir den ursprünglichen Wortlaut, d.h. die direkte Rede, rekonstruieren wollen, so müssen wir alle Regeln kennen, die angewandt wurden, um die indirekte Rede zu formulieren. Dazu gehören neben (1) und (2) vor allem die Regeln zur sogenannten Zeitenfolge, die wir noch behandeln müssen.
Das übergeordnete Verb ist meist dîxit, also ein Vergangenheitstempus. In diesem Fall, so werden wir noch erfahren, bedeuten alle Imperfekt-Konjunktive in der indirekten Rede, daß Gleichzeitigkeit der Geschehnisse im regierendem (Caesar dîxit) und im abhängigem Satz vorliegt.
Oft enthält die indirekte Rede nur eine Zusammenfassung der in direkter Rede vorgetragenen Gedanken. Eine Rekonstruktion der direkten Rede gibt daher nicht notwendigerweise den exakten ursprünglichen Wortlaut wieder.)


Die indir. Rede beginnt sogleich mit dem Nebensatz: sî ... faceret, der nach (2) im Konjunktiv steht. Der direkte Hauptsatz enthielt eine Aussage, -die indir. Rede steht folglich nach (1) im a.c.i.: (Helvetios) ... itûrôs (esse) atque futûrôs (esse) daß die H. gehen und bleiben würden.
ubi ... cônstituisset atque ... voluisset (Konj. Plqupf.) ist wieder ein -zusammengezogener- Nebensatz im Konjunktiv. Zu cônstituisset er hätte angesiedelt gehört das Objekt eôs.
Von (Caesar) voluisset Caesar hätte gewollt hängt der a.c.i. eôs esse daß sie seien (blieben) ab.
sîn (Caesar) ... persevêrâret ist wiederum ein Nebensatz, der nach (2) im Konjunktiv stehen muß. (Caesar) reminiscerêtur Caesar sollte sich erinnern hieß in direkter Rede reminiscere! erinnere dich! (In der Grammatik der 7. Lektion hatten wir memento! erinnere dich!)
Aus einem Imperativ wird ebenfalls ein Konjunktiv.

Zeile 5

Betrachten wir zunächst den Schlußteil. Er hieß direkt: nôlî ob hanc rem aut tuae magnopere virtuti tribuere aut nos despicere! Poche wegen dieser Sache nicht auf deine große Tapferkeit und verachte uns nicht!
nôlî ist der nerneinte Imperativ. nôn wird in der indirekten Rede zu nê, statt des direkten Imperativs wird indirekt wieder der Konjunktiv verwendet. In der deutschen Übersetzung benutzen wir dann wieder sollen: nê dêspiceret (Konj. Impf.) er sollte nicht verachten.

Zu Beginn steht quod in der Bedeutung was angeht oder einfach daß. adortus esset ist Konj. Plusquamperfekt von adorîrî angreifen, also: er hätte angegriffen; cum bedeutet hier während.

Zeile 6/7

In direkter Rede hatte Divico gesagt: "ita â patribus mâiôribusque nostrîs didicimus (Ind. Perf.) ut magis virtûte quam dolô contendâmus aut insidiîs nîtâmur. (Konj.Präs.)"
(so) von den Vätern und Vorfahren haben gelernt, mehr mit Tapferkeit zu kämpfen als uns auf Tücke und Hinterlist zu verlassen.
Beachten Sie, daß nostrîs in der indirekten Rede zu suîs wird, denn die sprechende Person wird indirekt durch das Reflexivpronomen benannt; bei der angesprochenen Person wird is, ille verwendet. (Das Possessivpronomen suus, a, um steht dann, wenn das Subjekt des Satzes Besitzer ist -das ist die reflexive Verwendung; sonst stehen die Genitive eius; eôrum, eârum. Auch beim Personalpronomen der 3. Person wird zwischen reflexiver und nicht reflexiver Form unterschieden, vgl. 21. Lektion.)
Der letzte Satz beginnt in direkter Rede mit dem verneinten Befehl: "nôlî committere, ut hîc locus ubi consistimus ... laß es nicht zu, daß dieser Ort, wo wir stehen ... In der indirekten Rede wird aus nôn wieder nê. quârê deshalb ist relativer Anschluß.

 
zurück


Übungen zur Lektüre

Lösungen:

 
zurück

 


Anhang

Was hat Caesar mit Karl dem Großen gemein? Sie waren beide groß.
(Karl war in zweifacher Hinsicht groß, denn nach seinem 1861 exhumierten Skelett zu urteilen, hatte er eine Körpergröße von 1,92 m. Er lebte übrigens von 742 bis 28.1.814. Ort und Tag der Geburt sind unsicher, vielleicht wurde er am 2. April 742 geboren.)

Außerdem haben sie Brücken über den Rhein (in Rhênô) gebaut. Caesar baute eine feste Rheinbrücke vom Legionslager in Köln nach Deutz und eine weitere vom Legionslager in Mainz nach Kastell.
Erst Karl der Große baute wieder eine Rheinbrücke in Mainz, die aber ein Jahr vor seinem Tod abbrannte. Die nächste Rheinbrücke in Mainz war die Eisenbahnbrücke, und das muß lange nach Karl gewesen sein. (In der Nähe von Mainz liegt Ingelheim, wo Karl einen Palast hatte, und wo er auch geboren sein soll. Mit der erfolgreichen Zerstörung dieses Kulturdenkmals beschäftigten sich dann 1689 die Franzosen.)
Wie Caesar hat auch Karl viele Schlachten geschlagen und dabei so manchen Sachsen getötet. Hier müßte man jetzt ansetzen und Motivanalyse betreiben, -aber dazu müßten wir genauer über Karl informiert sein.
Zum Glück hat der ostfränkische Einhard (770-840) eine Biographie des Kaisers geschrieben. Da man sich aber damals noch nicht auf eine einheitliche Landessprache geeinigt hatte -trotz Karls intensiver Bemühungen-, schrieb Einhard das Buch halt auf Latein: Vita Karoli Magni. Das Leben Karls des Großen.
Wir haben nun die Freude, das 25. Kapitel daraus lesen zu dürfen, in dem uns Einhard zu unserer Aufmunterung schildert, wie Karl es mit den Sprachen -vornehmlich mit dem Lateinischen- hielt. Auch was er sonst so in den Wissenschaften trieb -und was er unter dem Kopfkissen verbarg-, können wir erfahren. (Die Sache mit der Brücke steht hier aber nicht, die finden Sie im 17. und 32. Kapitel!)

Den lateinischen Text der Vita Karoli Magni können Sie unter folgenden Adressen finden:

http://www.fh-augsburg.de/~harsch/egiv0.html

http://www.gmu.edu/departments/fld/CLASSICS/ein.html

Eine zweisprachige Ausgabe hat Reclam veröffentlicht (Nr. 1966); wie immer mit sehr gutem Kommentar.

Kapitel 25: (Karl und die Wissenschaften)

Erat êloquentiâ côpiôsus et exûberâns poteratque quicquid vellet apertissimê exprimere.
Nec patriô tantum sermône contentus, etiam peregrînîs linguîs êdiscendîs operam impendit.

côpiôsus 3
wohlhabend, beredt; (als Ablativus qualitatis: erat vir côpiôsâ êloqentiâ)
exûberâns überströmend; quicquid = quidquid was nur immer, alles was
patrius 3 vaterländisch, ererbt; peregrînus 3 fremd, ausländisch (vernâculus 3 inländisch)
operam impendere Mühe aufwenden, sich bemühen (der Lateiner sagte Vatersprache!)

Beim Vortrag war er beredt und überströmend und konnte, was immer er wollte, äußerst klar ausdrücken.
Nicht nur genügte ihm die Muttersprache, auch um das Studium von Fremdsprachen bemühte er sich.

In quibus Latinam (linguam) ita didicit, ut aequê illa ac patria lingua ôrâre sit solitus,
Grecam vêrô melius intellegere quam pronuntiare poterat.

ita leitet ein ut cônsecûtîvus ein, das immer mit Konjunktiv steht (10. Lektion), vgl. auch adeô ... ut so sehr ... daß im fogenden Satz.
aequê ac ebenso wie; melius besser ist der Komparativ des Adverbs bene gut. Der Superlativ lautet optimê am besten, ausgezeichnet (16. Lektion)

Von diesen hat er die lateinische (Sprache) so gelernt, daß er sich in ihr gewöhnlich ebenso ausdrückte wie in der Muttersprache.
Das Griechische allerdings konnte er besser verstehen als sprechen
.

Adeô quidem fâcundus erat, ut etiam dicâculus apparêret. Artes liberales studiôsissimê coluit, eârumque doctorês plûrimum veneratus (est) magnîs adficiêbat honôribus.

fâcundus 3 redegewandt; dicâculus 3 schnippisch, sich in Wortspielen gefallen (von dîcere).

Die (septem) artês lîberâlês -die Sieben Freien Künste- bestanden aus dem Trivium und dem Quadrivium.
Das Trivium umfaßte alles, was mit Rede und Sprachwissenschaft zu tun hatte (lat. Grammatik, Logik, Rhetorik, Literatur, Jura);
das Quadrivium bestand im Wesentlichen aus Mathematik (Geometrie, Arithmetik, Kalenderberechnung), Naturwissenschaften (Astronomie, Geographie, Botanik, Medizin) und Musik (Akustik, Harmonie, Chor). Es ab offenbar wesentlich mehr als 7 Unterrichtsfächer, wobei die Philosophie noch garnicht berücksichtigt ist. Man hat eben alles unterrichtet, was irgendwie nach Wissenschaft aussah. Natürlich kamen später auch noch die Anfänge der Theologie hinzu.

colô, coluî, cultum, colere pflegen (erinnern Sie sich an den gut gepflegten Weinberg in der 18. Lektion?);
plûrimum am meisten ist Superlativ des Adverbs multum viel; der Komparativ lautet plûs mehr; klassisch müßte man statt plûrimum bei Intensitätsangaben maximê benutzen, 16. Lektion. veneror verehren; adficere honôre Ehre erweisen

Er war freilich so redegewandt, daß er sich manchmal in Wortspielen zu gefallen schien.
Er betrieb die Sieben Freien Künste mit größtem Eifer, schätzte die Lehrer dieser Disziplinen sehr und erwies ihnen große Ehren.

In discendâ grammaticâ Petrum Pisanum diaconem senem audîvit, in cêterîs disciplînîs Albinum cognômentô Alcoinum, item diaconem, dê Brittaniâ Saxônicî generis hominem, virum undecumque doctissimum, praeceptôrem habuit, apud quem et rethoricae et dialecticae, praecipuê tamen astronomiae êdiscendae plûrimum et temporis et labôris inpertîvit.

in discendâ grammaticâ beim Lernen der Grammatik (vgl. Gerundivkonstr. in der 8. Lektion; vergleiche auch die ähnlich Konstruktion: in cônservandâ patriâ bei der Rettung des Vaterlandes)
undecumque Adv. woimmer es auch sei, überall
praecipuê Adv. besonders; tamen jedoch
impertiô, îvî, îtum, îre aufwenden, widmen, teilhaben
(Einhard orientierte sich bei der Wortwahl, beim Satzbau und in der Stilistik an dem römischen Historiker Sueton, 70-140 n.Chr. Wir dürfen uns daher auch an Einhard orientieren und behaupten: linguae Latinae ediscendae plûrimum et temporis et laboris impertiô ich verwende sehr viel Zeit und Mühe auf das Studium der lateinischen Sprache. Aber stimmt nicht auch der Ausruf: Quanta voluptas ex litteris discendis percipitur! Wieviel Freude schöpft man aus dem Studium der Wissenschaften! In den Übungen zur Grammatik in der 8. Lektion sagten wir bereits: linguae Latinae discendô studêmus, wobei wir berücksichtigten, daß studêre i.a. den Dativ regiert. Auch in der 10. Lektion gab's studêre mit dem Dativ in einem beherzigenswerten Seneca-Satz.)
Petrus Pisanus war seit 774 Lateinlehrer an der Palastschule, später kehrte er nach Italien zurück.
Alcuin wurde 735 in Northumberland geboren. 781 traf er Karl in Pavia und wurde als Lehrer an den Palast gerufen. Auch Einhard und Hrabanus Maurus, Abt von Fulda, gehörten zu seinen Schülern. Eigentlich war Alcuin Lehrer des Kontinents; denn er vermittelte ihm die Wissenschaften, die er selbst an der Kathedralschule in York studiert hatte.

Beim Studium der Grammatik hörte er den greisen Diakon Peter von Pisa; in den übrigen Fächern hatte er Albinus, mit dem Beinamen Alcuin, ebenfalls Diakon, zum Lehrer; ein Mann sächsischer Herkunft aus Britannien, der gelehrteste Mann weit und breit.
Bei ihm verwandte er sehr viel Zeit und Mühe auf das Studium der Rhetorik, Dialektik und vor allem der Astronomie.

Discêbat artem conputandî et intentiône sagacî siderum cursum curiosissimê rîmâbâtur.
Temptâbat et scrîbere tabulâsque et côdicellôs ad hoc in lectô sub cervicâlibus circumferre solêbat, ut, cum vacuum tempus esset, manum litterîs effigiendîs adsuêsceret, sed parum successit labor praeposterus ac sêrô inchoâtus.

 

intentiô, ônis f Anspannung, Aufmerksamkeit
sagâx, âcis
scharfsinnig; cûriôsus 3 neugierig, sorgfältig
rîmor 1 Dep.
durchforschen; côdicellus Schreibtafel, Heft (kleiner Codex)
cervîcal, âlis n das Kopfkissen; circumferre herumtragen (auf seinen Reisen)
adsuêscere sich gewöhnen; inchoô = incohô ich fange an; praeposterus verkehrt


Er lernte die Kunst des Rechnens und erforschte mit großer Aufmerksamkeit sehr sorgfältig die Bewegung der Gestirne. Er versuchte auch zu schreiben und pflegte daher im Bett unter seinen Kopfkissen immer Tafeln und Hefte bei sich zu haben, um in der Freizeit die Hand an das Zeichnen von Buchstaben zu gewöhnen.
Aber er hatte wenig Erfolg dabei, denn er hatte zu spät angefangen.

Ars bene scrîbendî difficilis est hatten wir bereits in der 7. Lektion erfahren.

 

 

 

zurück

zurück zur Inhaltsseite