16. Lektion - lectio sexta decima (sedecim 16)


Inhalt:


Einleitung

Schauen Sie sich auch immer mal wieder die Konjugationstabellen aus früheren Lektionen an? Bequemer sind natürlich die Übersichtstabellen, die Sie in jeder Schulgrammatik -oder in KurzGr (Langenscheidts Lern-und Übungsgrammatik)- finden. Wie wär's mit einem kleinen Text, in dem hübsche Verbformen zur Wiederholung auftreten? Das ist doch bestimmt etwas für Sie, nicht wahr?
Hier ist die Ministory:

Cum Darêus, Persarum rex, ut Scythis bellum inferret, Istrum trânsisset et illîs minâces litterâs misisset, illî quidem nihil responderunt, sed miserunt Darêô murem et ranam et avem et quinque sagittas.

Scytha, ae m Volk in Südrußland
Ister, Istrî m die Donau
minâx, âcis drohend
mûs, mûris m Maus
râna, ae f Frosch

Den von cum eingeleiteten temporalen Nebensatz mit seinen Zusätzen (Finalsatz) lassen wir zunächst beiseite. Die beiden Hauptverben sind respondêrunt und misêrunt. Die Infinitive dazu sind respondêre antworten und mittere senden. Beide Verbformen sind 3.Pl.Ind.Perf.Akt. sie haben geantwortet und sie haben geschickt. Im Deutschen geben wir beide Formen als Imperfekte wieder sie antworteten und sie schickten. Das Subjekt beider Sätze sind die Skythen: illî. Sie sehen, daß zu miserunt vier Akkusativobjekte gehören: mûrem, rânam, avem, sagittâs, die durch et miteinander verbunden sind. Ins Deutsche übersetzen wir aber nur das letzte et. Bisher haben wir also:
jene antworteten zwar nichts, sondern schickten dem Darius eine Maus, einen Frosch, einen Vogel und fünf Pfeile.
Jetzt geht's an den Temporalsatz: Als der Darius, König der Perser, ..., die Donau ...
Was machen wir mit trânsisset, Inf. trânsîre überschreiten (15.Lektion), und mit misisset ? An isse erkennen wir untrüglich den Konjunktiv Plusquamperfekt Aktiv (vgl. 15.Lektion), abhängig vom cum historicum. Im Deutschen steht der Indikativ.
... die Donau überschritten hatte, und jenen ein drohendes Schreiben geschickt hatte,...
Jetzt fehlt nur noch der Finalsatz, in dem sich der Konjunktiv inferret befindet. Äußerlich steht hier der Infinitiv inferre mit der Endung t, also typisch Konjunktiv Imperfekt.
ut Scythis bellum inferret damit er den Skythen den Krieg hineintrüge, natürlich sagen wir vernünftiger: um die Skythen zu bekriegen.

Was hat es aber mit dem Getier und mit den Pfeilen auf sich? Hören wir weiter:

Quibus rebus hoc significaverunt:
Nisi aut terram subieritis, Persae, ut mures, aut aquam, ut ranae, aut evolaveritis, ut aves, has sagittas non effugietis.

teram subîre unter die Erde kriechen
evolare 1 davonfliegen
quibus rebus durch diese Dinge oder hierdurch (relativer Anschluß)
hoc folgendes
nisi wenn nicht

Haben Sie bei subieritis gleich auf 2.Pl.Ind.Fut.II Akt. ihr werdet gekrochen sein getippt? Nein?, macht nichts, schauen Sie sich einfach nochmals den Grammatikteil der vorigen Lektion an. (subieritis könnte auch Konj.Perfekt sein, aber das würde keinen Sinn ergeben.)
Auch evolaveritis ist 2.Pl.Ind.Fut.II Akt.: ihr werdet davongeflogen sein.
Beachten sie auch die Aussprache: sub-i-er-i-tis, also fünfsilbig. Warum aber steht im Nebensatz überhaupt Futur II? Das liegt daran, daß im Hauptsatz einfaches Futur steht. Schauen Sie sich doch nochmals Lektion6 an, denn damals habe ich versucht, diese Zusammenhänge zu erklären. In unserem Beispiel ist es schöner, das lat. Futur II im Deutschen einfach durch das Präsens wiederzugeben. Als statt wenn ihr nicht unter die Erde gekrochen sein werdet... sagen wir wenn ihr nicht unter die Erde kriecht...

Das Verb des Hauptsatzes ist effugere + Akk. entfliehen, effugiêtis 2.Pl.Ind.Fut. I Akt. ihr werdet entfliehen (vergleichen Sie mit dîcêtis ihr werdet sagen von dîcere).

Als der Perserkönig Darius die Donau überschritten hatte, um die Scythen zu bekriegen, und jenen einen Drohbrief geschickt hatte, antworteten jene zwar nichts, schickten dem Darius aber eine Maus, einen Frosch, einen Vogel und fünf Pfeile.
Diese Dinge bedeuteten folgendes:
Wenn ihr nicht unter die Erde kriecht, Perser, wie die Mäuse, oder unter das Wasser, wie die Frösche, oder davonfliegt, wie die Vögel, werdet ihr diesen Pfeilen nicht entgehen.


Mit den Scythen war auf keinen Fall zu Spaßen, das wußte auch Darius, und er hat die Botschaft so ernst genommen, wie Sie die Grammatik ernst nehmen.
Und in der Grammatik sprachen wir in der letzten Lektion u.a. vom Imperativ, nicht wahr?
Wo glauben Sie lassen sich die schönsten Imperative finden? -Natürlich in einem Kochbuch!

Zum Glück hat sich das Kochbuch De re coquinaria des Marcus Gavius Apicius, der zur Zeit des Tiberius gelebt hat, mit einer Unzahl altrömischer Rezepte -wenn auch nicht mehr ganz in der ursprünglichen Form- erhalten. Daß Apicius einen großen Einfluß auf die römische Küche des 1. nachchristlichen Jahrhunderts hatte, können wir der Tatsache entnehmen, daß er u.a. von Plinius und Seneca erwähnt wird.
Schauen wir uns zwei der kleineren Rezepte an:

Ob es für die Römer so wichtig war, Rotwein in Weißwein zu verwandeln, weiß ich nicht; aber wir haben bestimmt wieder was Lateinisches gelernt, das man gelegentlich brauchen kann.
(Die lateinischen Präsensformen wird man im Deutschen als Imperative wiedergeben: Gib eine Paste ... und schüttle sehr lange usw.)

Die eigentlichen Rezepte in Apicius' Buch sind für die Grammatik nicht sehr ergiebig. Aber wenn Sie einige ausprobieren wollen, so kaufen Sie sich doch das zweisprachige Reclam-Bändchen Nr. 8710. Dort finden Sie auch ein ausführliches Wörterverzeichnis nebst einem interessanten Kommentar von Robert Maier. Eine englische Übersetzung der Maierschen Übersetzung samt lateinischem Original finden Sie auch im Internet:

http://www.oberlin.edu/~jyazbek/latin/texts/onlintxt.html


Wir wollen aber nicht verschweigen, daß der Imperativ auch eine große Rolle in der moralisch-ethischen Literatur spielt. (Ein kategorischer Imperativ ist ein ethisches Pflichtgebot, vgl. Kant.) Seneca liefert erneut viele Beispiele. Schlagen wir einfach sein Buch über die Kürze des Lebens, De brevitate vitae, auf, und wir werden leicht fündig. In 7 (2) steht z.B.:
Omnia istorum tempora excute! aspice quamdiu conputent...
Untersuche die gesamte Zeit dieser (Menschen), betrachte, wie lange sie rechnen,...
ex-cutiô, cussî, cussum, cutere entreißen, durchsuchen, untersuchen

oder 3 (3):
Repete memoria tecum, quando certus consilii fueris...
Ruf dir ins Gedächtnis zurück, wann du in deinem Entschluß sicher warst...

Nehmen wir noch einige letzte Imperative!

18 (1)
Excerpe itaque te volgo... Entziehe dich also der Masse...
Cogita, quot fluctus subieris,...Bedenke, wieviele Fluten du über dich ergehen ließest...
Experîre, quid in ôtiô faciat. Versuch einmal, was -deine mannhafte Haltung- sie in der Muße vermag!

Was die Muße angeht, gibt uns Seneca noch folgenden Trost auf den Weg: 17(6)

Ôtium numquam agêtur, semper optâbitur.
Muße wird man niemals haben, man wird sie immer wünschen.


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Grammatik

Steigerung (Komparation ) der Adverbien

In der 14. Lektion beschäftigten wir uns mit der Steigerung der Adjektive. Heute sind die Adverbien dran. Sie erinnern sich, daß ein Adjektiv auf die Frage antwortet wie beschaffen ist das Subjekt? Z.B. Wie beschaffen ist das Mädchen? Natürlich ist es schön: puella pulchra est.
In diesem Beispiel ist das Adjektiv ein Bestandteil des Prädikats pulchra est. Es ist ein Prädikatsnomen. Wenn ich aber sage puella pulchra cantat, das schöne Mädchen singt, so gehört das Adjektiv zum Subjekt, es ist ein Attribut, d.h.eine nähere Bestimmung von puella.

Jetzt stellen Sie sich vor, daß das schöne Mädchen sogar schön singt, -wie würden wir das einem Römer sagen? Wir können nicht gut sagen puella pulchra cantat pulchra, das verbietet schon unser feines lateinisches Sprachgefühl. Unser Verstand sagt uns ferner, daß ein Verb -wie cantâre- nicht von einem Adjektiv näher bestimmt wird, sondern von einem Adverb. Und wie heißt das deutsche Adverb schön auf Latein? Es heißt pulchrê. (Wir sind in Wahrheit natürlich nicht so dumm, wie ich das hier dargestellt habe. Aber bei gewissen Fragen kann man sich gar nicht dumm genug anstellen, denke ich.) Um die Sache kurz zu machen, das schöne Mädchen singt schön heißt auf Latein puella pulchra pulchrê cantat.
Die Stellung des Adverbs ist im Lateinischen genauso frei wie im Deutschen, alles hängt von der Betonung ab. Ein Ausdruck, der ein Verb ergänzt, heißt im übrigen Adverbiale. Nach dieser Definition ist ein Adverb also ein Adverbiale.
Adverbien sind im Lateinischen wie im Deutschen unveränderlich, was sie recht sympathisch macht.

Jetzt müssen wir uns nur noch die Regeln zusammensuchen, nach denen wir ein Adverb bilden.

crêbrô häufig
falsô falsch
meritô mit Recht
subitô plötzlich

tûtô sicher
rârô selten
sêrô zu spät
secrêtô insgeheim

 

Bei den Adjektiven der 3. Deklination (7. Lektion) wird der Genitivausgang -is durch -iter ersetzt:
celer, celeris, celere (Adjektiv dreier Endungen) schnell lautet im Genitiv celer-is, d.h. der Wortstock ist celer- (hier gilt: Genitiv-Singular "minus" is = Wortstock).
Das Adverb lautet demnach celer-iter.
Bei simplex einfach lautet der Genitiv Sing. simplic-is, das Adverb also simplic-iter.
Ein Adjektiv zweier Endungen ist brevis, breve kurz, sein Adverb lautet brev-iter.
Ein Adjektiv einer Endung ist fêlîx, Gen.: fêlîcis glücklich, sein Adverb ist fêlîc-iter.
Auch sapiêns Gen. sapient-is weise ist ein Adjektiv einer Endung, aber sein Adverb lautet nicht sapient-iter, sondern sapient-er. Denn für alle einendigen Adjektive auf -ns (im Genitiv Sg. haben sie -nt vor dem Ausgang -is) gilt, daß sie das i von -iter weglassen und dann tt zu t vereinfachen.
Man kann kurz sagen, daß die Adjektiva auf -ans und -ens den Genitivausang -is durch -er ersetzen.
Die folgende Tabelle gibt eine kleine Übersicht über des eben Gesagte:

Bildung des Positivs der Adverbien aus Adjektiven:

Adjektiv (Nom.)

Bedeutung

Genitiv Sg.

Adverb

doctus

gelehrt

doct-î

doct-ê

miser

elend

miser-î

miser-ê

pulcher

schön

pulchr-î

pulchr-ê

âcer

scharf

âcr-is

âcr-iter

fortis

stark

fort-is

fort-iter

brevis

kurz

brev-is

brev-iter

prûdêns

klug

prûdent-is

prûdent-er

cônstâns

standhaft

cônstant-is

cônstant-er


Merken wir uns einige unregelmäßige Adverbien der 3.Deklination:

facilis leicht > Adverb: facile leicht, mühelos
difficilis schwierig > Adverb: difficulter schwierig
audâx kühn > Adverb: audâcter kühn
alius ein anderer > Adverb: aliter anders, auf andere Weise

 

Ebenso wie Adjektive und adjektivisch gebrauchte Partizipien können die Adverbien gesteigert werden.
Hier zunächst ein deutsches Beispiel:
schnell (1. Stufe oder Grundstufe, Positiv)
schneller (2. Stufe, Komparativ)
am schnellsten oder sehr schnell (3. Stufe, Superlativ)

Im Lateinischen ist die Steigerung zum Glück ebenfalls recht einfach

Adjektiv (Nom.)

Wortstock

Adverb

   

Positiv

Komparativ

Superlativ

longus, a, um lang

long-

long-ê

long-ius

long-issimê

cupidus, a,um begierig

cupid-

cupid-ê

cupid-ius

cupid-issim-ê

celer, celeris, celere schnell

celer-

celer-iter

celer-ius

celer-rim-ê

sapiêns weise

sapient-

sapient-er

sapient-ius

sapient-issim-ê

 

Positiv

Komparativ

Superlativ

bene gut

melius besser

optimê am besten

male schlecht

peius schlechter

pessimê am schlechtesten

facile leicht

facilius leichter

facillimê am leichtesten

paulum wenig

minus weniger

minimê am wenigsten

multum viel

plûs mehr

plûrimum am meisten


plûs/plûrimum
und magis/maximê übersetzen wir jeweils mit mehr/am meisten. Ursprünglich benutzte man plûs/plûrimum, wenn man von Mengen sprach (Frage: wieviel?), magis/maximê wurde dann benutzt, wenn es sich um einen Intensitätsgrad handelte (Frage: wie sehr?). Man wird also sagen plûs pecuniae mehr Geld, aber magis tê dîligô ich schätze dich mehr oder in den Wendungen magis magisque mehr und mehr und magis minusve mehr oder weniger.
Im Laufe der Zeit hat man diesen Unterschied aber immer weniger beachtet. So kann es nicht wundern, daß man z.B. im Französicshen plus beau und im Italienischen più bello (schöner) sagt.

Wenn quam mit einem Superlativ eines Adjektivs oder Adverbs benutzt wird, dann bedeutet es so ... wie möglich, z.B. quam pulcherrimus so schön wie möglich, quam celerrimê so schnell wie möglich.

Zu den Besonderheiten zählen wir auch die Adverbien, die nicht zu einem Adjektiv gehören.
Als Adverbien findet man -wie bereits oben bemerkt- oft Ablative, z.B. postrîdiê am nächsten Tag, noctû nachts, postideâ nachher oder Akkusative wie statim sofort, paulâtim allmählich, cêterum übrigens usw.
Am einfachsten ist es, sich diese Adverbien dann zu merken, wenn sie auftreten. Sie sind im übrigen so häufig, daß sie schon von alleine "eingehen".
Auch im Internet finden Sie Tabellen von Adjektiven und Adverbien, z.B. in

http://www.geocities.com/Athens/Forum/6946/adjectives.html


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Lektüre

BG I 8,2-4; 9,1-

1.

Ubi ea diês, quam constituerat cum legâtîs, vênit, et legâtî ad eum revertêrunt, negat sê môre et exemplô populî Rômânî posse iter ûllî per prôvinciam dare et, sî vim facere conentur, prohibitûrum ostendit.

2.

Helvetii eâ spê dêiectî nâvibus iunctîs ratibusque complûribus factîs, aliî vadî Rhôdanî, quâ minima altitûdô flûminis erat, nônnumquam interdiû, saepius noctû, sî perrumpere possent, conâtî, operis mûnîtiône et mîlitum concursû et têlîs repulsî hôc cônâtû
dêstitêrunt.

3.

Relinquebâtur ûna per Sequanôs via, quâ Sequanîs invîtîs propter angustiâs îre nôn poterant.

4.

Hîs cum suâ sponte persuadêre non possent, lêgâtôs ad Dumnorîgem Aeduum mittunt, ut eô dêprecâtôre a Sequanîs impetrârent.

5.

Dumnorix grâtiâ et largîtiône apud Sequanôs plûrimum poterat et Helvetiis erat amîcus, quod ex eâ civitâte Orgetorîgis fîliam in mâtrimônium dûxerat, et cupiditate regnî adductus novîs rêbus studêbat et quam plûrimâs civitâtês suô beneficiô habêre obstrictâs volêbat.

6.

Itaque rem suscipit et â Sequanîs impetrat, ut per fînês suôs Helvetiôs ire patiantur obsidêsque uti inter sêsê dent, perficit:

7.

Sequani, nê itinere Helvetios prohibeant, Helvetii, ut sine maleficiô et iniûriâ trânseant.

 

 

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Übersetzung

wörtliche Übersetzung:

1.

Sobald dieser Tag (Termin), den er hatte festgesetzt mit den Gesandten, er war gekommen und die Gesandten zu ihm sie kehrten zurück, er leugnet, (daß) er nach Sitte und Beispiel des Volkes römischen er könne den Weg irgend einem durch die Provinz geben und, wenn Gewalt machen sie versuchen, hindern werden er zeigt.

2.

Die Helvetier von dieser Hoffnung herabgeworfen, auf Schiffen verbundenen und Flößen mehreren gemachten, andere durch Furten der Rhône, wo am kleinsten die Tiefe des Flusses war, zuweilen bei Tage, öfter bei Nacht, ob sie durchbrechen könnten, sie versuchten, des Werkes durch die Verschanzung und der Soldaten durch den Angriff und die Waffen zurückgetrieben von diesem Versuch sie standen ab.

3.

Es blieb übrig ein durch die Sequaner Weg, wo Sequaner wider Willen wegen der Engpässe gehen nicht sie konnten.

4.

Diese da von sich aus überreden nicht sie konnten, Gesandte an Dumnorix den Haeduer sie schicken, damit durch seine Fürsprache von den Sequanern sie erlangten.

5.

Dumnorix durch Beliebtheit und Freizügigkeit bei den Sequanern sehr viel er vermochte und den Helvetierner war Freund, weil aus diesem Stamm des Orgetorix Tochter in die Ehe geführt hatte, und durch Begierde nach der Herrschaft verleitet neuen Dingen er zustrebte und möglichst viele Stämme durch seine Wohltat haben verpflichtet er wollte.

6.

Daher die Sache er unternimmt und von den Sequanern er erreicht, daß durch ihr Gebiet die Helvetier gehen lassen, und Geiseln daß unter sich geben, er bewirkt:

7.

die Sequaner, daß nicht am Marsch die Helvetier sie hindern, die Helvetier, daß ohne Feindseligkeit und Unrecht sie hindurchziehen.


freie Übersetzung:

Sobald der Termin gekommen war, den er mit den Unterhändlern verabredet hatte, und diese sich bei ihm einfanden, erklärt er, daß er nach dem herkömmlichen Brauch des römischen Volkes niemandem den Durchzug durch die Provinz erlauben könne und weist darauf hin, daß er sie hindern werde, falls sie es gewaltsam versuchen sollten.
In dieser Hoffnung getäuscht, versuchten die Helvetier teils auf zusammengebundenen Schiffen und auf mehreren Flößen, die sie hergestellt hatten, teils durch die Furten der Rhône, wo die Flußtiefe am geringsten war, zuweilen bei Tage, öfters bei Nacht, ob sie durchbrechen könnten. Da sie aber durch die Stärke der Verschanzung und durch den Angriff und die Geschosse der Soldaten zurückgetrieben wurden, standen sie von ihrem Versuch ab.
Es blieb nur noch der Weg durch das Gebiet der Sequaner übrig, auf dem sie aber gegen deren Willen nicht gehen konnten, da er zu eng war. Da sie diese auf eigene Hand nicht überreden konnten, schicken sie Abgeordnete an den Häduer Dumnorix, damit sie auf Grund seiner Fürsprache von den Sequanern (die Erlaubnis zum Durchzug) erlangten.
Dumnorix vermochte aufgrund seiner Beliebtheit und Freigebigkeit sehr viel bei den Sequanern. Er war auch ein Freund der Helvetier, weil er aus diesem Stamm die Tochter des Orgetorix geheiratet hatte. Aus Herrschsucht strebte er nach Umsturz und wollte sich möglichst viele Staaten durch seine Dienste verpflichten.
Daher übernimmt er den Auftrag und erreicht bei den Sequanern, daß sie die Helvetier durch ihr Gebiet ziehen lassen. Er setzt durch, daß sie Geiseln austauschen
: die Sequaner, daß sie die Helvetier nicht am Durchzug hindern, die Helvetier, daß sie ohne Feindseligkeit und Gewaltanwendung hindurchziehen.

 

 

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Worterklärungen

Verben

dê-iciô (spr. dê-ji-ki-ô), iêcî, iectum, icere herabwerfen
perrumpô, perrûpî, perruptum, perrumpere durchbrechen
repellô, reppulî, repulsum, repellere zurücktreiben (ein bekanntes Mückenschutzmittel heißt Repellente)
dêsistô, dêstitî, stitûrus, dêsistere abstehen, ablassen von
re-linquô, lîquî, lictum, linquere zurücklassen, übrigbleiben; relinquitur, ut es bleibt nichts weiter übrig, als daß
persuâdêre + Dat. überreden (hîs = Dat. Pl.)
obstringô, strînxî, strictum, stringere zubinden, verpflichten

Sonstige Wörter und Erklärungen

ûllus, a, um irgendein, irgend jemand (bildet den Dativ nicht auf , sondern auf -î)
ratis, is f
Floß, quâ (viâ) Adv. wo, vadum, î n seichte Stelle, Furt
interdiû (spr. in-ter-di-û) Adv. bei Tage
mûnîtiô, ônis f Befestigung, Verschanzung, operis mûnîtiô die Stärke der Verschanzung
concursus, ûs m der Zusammenlauf, Angriff, têlum, î n das Geschoß,
cônâtus, ûs m der Versuch (es gibt auch ein Neutrum mit derselben Bedeutung cônâtum, î)
Sequanîs invîtîs (Abl. abs.) gegen den Willen der Sequaner (spr. in-wî-tîs)
angustiae, ârum f (selten im Sing.) Enge, Bedrängnisse
meâ, tuâ, suâ sponte auf eigene Hand, freiwillig
dêprecâtor, ôris m Fürbitter, mê dêprecâtôre (Abl. abs.) auf meine Fürbitte
largîtio, ônis f die Freigebigkeit
obses, obsidis m der Bürge, die Geisel (spr. ob-si-dês-kwe)
uti = ut daß, damit (Finalsatz)

Zeile 1

HS: (Caesar) ... negat et ....ostendit. Im einleitenden Nebensatz (Temporalsatz) treffen wir erneut, vgl. Übungen zur Grammatik, auf ubi + Ind.Perf.(wenn im HS Präsens steht): vênit und revertêrunt. In ea diês ist diês feminin und bedeutet demnach Termin, eben den 13. April. negat + a.c.i. (sê ..posse) übersetzen wir nicht mit er leugnet, sondern mit er sagt, er erklärt, d.h. wir tun so, als stünde dîcit nôn dort. Das nôn verbinden wir dabei mit ûllî zum Dativ nûllî niemandem. Wir haben damit er erklärt, er könne niemandem ...
Als Anwort auf den Bedingungssatz si vim facere conentur wenn sie versuchen, Gewalt anzuwenden steht ostendit mit dem a.c.i. sê Helvetiôs prohibitûrum esse daß er die Helvetier hindern werde; im Text steht davon nur prohibiturum, der Rest muß vom Leser hinzugefügt werden.

Zeile 2

Die recht lange Periode können wir verkürzen, indem wir hinter cônâtî (sunt) sie haben versucht (Ind.Perf. des Deponens der 1.Konj. cônârî versuchen) einen Punkt setzen.
HS ist Helvetii ... conati sunt die Helvetier haben versucht.
si perrumpere possent ist indir. Fragesatz, daher der Konjunktiv possent. Vor dem Abl. navibus sollte eigentlich auch ein aliî stehen: die einen ... die anderen aliî ... aliî. Natürlich ist der Zusatz quâ minima altitûdô flûminis erat überflüssig, denn vadîs besagt ja gerade, daß der Fluß en diesen Stellen eine geringe Tiefe hat. Caesar sagt aber nicht Tiefe, sondern Höhe, also wieder eine Frage des Standpunktes. Das Wort für Tiefe ist profundum, î n.
Helvetiî repulsî ... dêstitêrunt
die zurückgetriebenen Helvetier ... ließen ab ist der noch zu übersetzende Satz.

Zeile 3

Die einfache Periode besteht aus einem Hauptsatz und einem Nebensatz (Relativsatz), der von quâ (viâ) eingeleitet wird. poterant 3.Pl.Ind.Impf.Akt. sie konnten von possum ich kann.

Zeile 4

Struktur des Satzgefüges: Kausalsatz, Hauptsatz, Finalsatz.
Im Finalsatz fehlt ein Objekt; aber was wollen sie schon erlangen? Natürlich die Erlaubnis zum Durchzug durch das Gebiet der Sequaner.

Zeile 5

Zum Subjekt Dumnorix gehören vier Prädikate (zusammengezogener Satz): poterat, erat studebat und volebat. Sie stehen alle im Imperfekt, da eine Sachlage geschildet wird.
studêre regiert den Dativ, daher heißt nach neuen Dingen streben (d.h. i.a. auf Umsturz sinnen) novîs rêbus studêre mit dem Dat. Pl. novîs rêbus. Die Frage wodurch vermochte Dumnorix sehr viel bei den Sequanern? beantworten die beiden Ablative (causae) grâtiâ und largîtiône durch Beliebtheit und durch Freigebigkeit. Einen weiteren Ablativus causae haben wir in dem Ausdruck cupiditate regni adductus aus Herrschbegierde und auch in suô beneficiô durch seine Hilfeleistung. Beachten Sie auch, daß das Part.Perf.Pass. (PPP) obstrictâs zu plûrimâs civitâtês gehört. Wörtlich: er wollte möglichst viele Stämme als verpflichtete haben.

Zeile 6

Nun könnte Caesar die Schilderung der Ereignisse im Perfekt weiterführen, aber er benutzt das Präsens, um die Dinge noch lebhafter zu gestalten. Wieder haben wir einen zusammengezogenen Satz: (Dumnorix) rem suscipit et a Sequanis impetrat ... (et) perficit:
Den Finalsatz uti obsides inter sese dent daß sie einander Geiseln geben erwartet man eigentlich hinter dem Hauptverb perficit, aber dann würde das Gegensatzpaar Sequani/Helvetii in der folgenden Zeile nicht so deutlich hervortreten.


Zeile 7

Gemeint ist: Sequanî obsidês dant, nê ... die Sequaner geben Geiseln, damit sie nicht...
Caesar meint aber, daß die Sachlage genügend klar ist, und läßt obsidês dant einfach weg, es ist redundant. In der vorigen Lektion sprachen wir von îre gehen. Der 3.Pl.Konj.Präs. von trâns-îre lautet trâns-eant daß sie hindurchgehen; auch prohibeant daß sie hindern ist Konj.Präs., und zwar von prohibêre hindern. prohibêre itinere am Weg hindern, prohibêre senâtû vom Senat ausschließen usw.

 
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Anhang

Augustus bei Seneca

In seiner Satire auf Claudius Die Verkürbissung des Kaisers Caudius (Apocolocyntosis) läßt Seneca auch Augustus im himmlischen Senat zu Wort kommen. Augustus zitiert bei dieser Gelegenheit auch aus seinen Res gestae:

10(2)

In hôc terrâ marique pâcem peperî? ideô cîvîlia bella compescuî? ideô lêgibus urbem fundâvî, operibus ornâvî, ut -quid dicam p.c. non inveniô: omnia înfrâ indîgnâtiônem verba sunt.
cônfugiendum est itaque ad Messalae Corvini, disertissimî virî, illam sententiam:
"pudet imperiî"

terrâ marique zu Lande und zu Wasser (spr. ma-ri-kwe). Es handelt sich um eine adverbiale Ortsbestimmung im Ablativ, Ablativus loci, auf die Frage wo?
pariô, peperî, partum, parere gebären, erzeugen, schaffen
id-eô Adv. deswegen, compescô, uî, -, compescere unterdrücken
In (urbem) operibus ornâvî ist operibus ein Ablativus instrumenti auf die Frage womit? wodurch?
inveniô ausfindig machen; p.c. = patrês cônscrîptî Senatoren
Messala Corvinius (64 v.Chr.-13 n.Chr.), bedeutender Redner und Politiker, hat diesen Ausspruch 25 v.Chr. gegen Augustus benutzt.
disertissimus Sup. von dissertus = disertus beredt, redegewandt
vir, virî m Mann (wird wie puer, puerî m der Knabe dekliniert)
Der Genitivus qualitatis disertissimî virî beschreibt eine Eigenschaft des M. Corvinus. Eigenschaften werden aber auch durch den Ablativus qualitatis gekennzeichnet.
mê pudet + Gen. ich schäme mich vor, pudeô, puduî, pudêre sich schämen

Dafür habe ich zu Lande und zu Wasser Frieden geschaffen? Deswegen habe ich die Bürgerkriege unterdrückt? Deswegen habe ich die Stadt auf Gesetzen gegründet, mit Prachtbauten geschmückt, damit--Senatoren! Ich weiß nicht, was ich sagen soll:
Meine Entrüstung ist größer als alle Worte. Ich muß daher zu jenem Ausspruch des Messala Corvinus, des redegewaltigen Mannes, Zuflucht nehmen: "Ich schäme mich für das Reich."

10 (3)

Hic, p.c. quî vôbis nôn posse vidêtur muscam excitâre, tam facile hominês occîdêbat, quam canis adsidit. sed quid ego de tot ac tâlibus virîs dicam? non vacat dêflêre pûblicâs clâdês intuentî domestica mala.

tot so viele; tâlis, e so beschaffen, derart, so ausgezeichnet
vacâre
Zeit, Muße haben; vacat es ist vergönnt, es bleibt Zeit
clâdês, is f Schaden, Unglück
in-tueor, intuêrî anschauen

Dieser (Mensch), Senatoren, der euch so vorkommt, als könne er keine Mücke aufscheuchen, hat Menschen mit derselben Leichtigkeit umbringen lassen, mit der ein Hund das Bein hebt. Aber was soll ich von so vielen und so bedeutenden Männern reden?
Mir bleibt keine Zeit, seine öffentlichen Verbrechen zu beweinen, wenn ich mir die Greuel im eigenen Hause anschaue.

10 (4)

Iste quem vidêtis, per tot annôs sub meô nômine latêns, hanc mihi grâtiam rettulit, ut duâs Iûliâs proneptês meâs occîderet, alteram ferrô, alteram famê...
Dîc mihi, dive Claudi, quârê quemquam ex hîs, quôs quâsque occîdistî, antequam de causâ cognôscerês, antequam audîrês, damnastî? hoc ubi fierî solet? in caelô nôn fit.

sub meô nôme latêns unter meinem Namen versteckt bezieht sich darauf, daß Claudius auch den Namen Augustus trug. Sein vollständiger Name war Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus.
famês, is f Hunger (der Abl. Sing. hat langes e)
duâs Iûliâs: Die eine Julia war die Tochter des jüngeren Drusus, Sohn des Tiberius. Sie fiel 43 n.Chr. den Launen der Messalina zum Opfer. (Claudius ließ seine berüchtigte 3. Frau, eben Messalina, fünf Jahre später hinrichten.) Die andere war Julia Livilla, Tochter des Germanicus. Sie soll regelwidrige Beziehungen zu Seneca gehabt haben. Beide, Julia Livilla und Seneca, wurden 41 n.Chr. verbannt, - also im selben Jahr, in dem Claudius seine Regierung antrat. Julia Livilla starb den Hungertod, Seneca mußte bis 48 n.Chr. auf Korsika aushalten.
In diesem Jahr wurde er von Claudius' vierter Frau, Agrippina d.J. -die von Colonia Agrippinensis- als Erzieher ihres Sohnes Nero zurückgerufen.
Mit seiner Satire Apocolocyntosis rächt Seneca sich an Claudius und singt ein Loblied auf Nero.

Schaffen Sie sich den zweisprachigen Text von Reclam an, Nr. 7676, DM 2,20. Das Heft enhält eine ausgezeichnete Übersetzung, gute Kommentare und im Anhang einen Aufsatz über die lateinische Satire neben einigen biographischen Angaben zu Seneca.

Dieser Kerl, den ihr da seht, der sich so viele Jahre hinter meinem Namen verbarg, hat mir damit gedankt, daß er beide Julien, meine Urenkelinnen, umbringen ließ, die eine mit dem Schwert, die andere durch Verhungern...
Sag mir, göttlicher Claudius, warum hast du einen jeden von denen, die du töten ließest,
verurteilt, noch bevor du den Sachverhalt hast klären lassen, bevor du sie angehört hast
?
Wo ist so etwas denn üblich? Im Himmel gibt's das nicht.

Seneca zitiert Augustus auch in anderen Schriften, z.B. in Von der Kürze des Lebens (De brevitate vitae), Kap.4(2). In dieser Schrift geht es ihm vor allem um die Bedeutung der Muße im menschlichen Dasein.
In Über die Güte (De clementia) stellt er den späten Augustus als (zweifelhaftes) Muster eines gütigen Menschen dar, 9(1) und 11(1). Er verschweigt nicht die Grausamkeiten des jungen Augustus und sagt sogar: Ich aber nenne Güte nicht eine ermüdete Grausamkeit.
Ego vêrô clêmentiam nôn vocô lassam crûdêlitâtem. 11(2)
Eine wahrhaft herbe Kritik an Augustus.

Hören wir uns kurz an, was Seneca über den jungen Augustus zu sagen hat, 9(1):

Divus Augustus fuit mîtis prînceps, sî quis illum â prîncipâtû suô aestimare incipiat...
Cum hoc aetâtis esset, quod tû nunc es, duodêvîcê(n)simum êgressus annum, iam pûgiônês in sinum amicôrum absconderat, iam însidiîs M. Antoniî cônsulis latus petierat, iam fuerat collega prôscrîptiônis.

hoc aetâtis ist ein adverbialer Akkusativ, der z.B. statt eâ aetâte benutzt werden kann;
id (hoc) aetatis esse in dem Alter stehen; id (hoc) temporis = eô tempore
18 = duodêvîgintî (
Kardinalzahl); 18. = duodêvîcê(n)simus (Ordinalzahl, Kennzeichen: -mus)
ê-gredior, êgressus sum, êgredî
hinausgehen, überschreiten
pûgiô, ônis m Dolch
sinus, ûs m Rundung, Brust, Fürsorge
abs-condô, condî, conditum, condere verbergen, verstecken
însidiae, ârum f Hinterhalt, Hinterlist
latus, eris n Seite, Flanke
petô, petîvî, petîtum, petere aufsuchen, têlîs petere mit Peilen beschießen

Der göttliche Augustus war ein milder Princeps, wenn man beginnt, ihn von seinem Prinzipiat an zu beurteilen...
Als er in dem Alter war, in dem du
(Nero) jetzt bist, das achtzehnte Jahr überschritten, hatte er schon den Dolch in der Brust seiner Freunde verborgen, hatte er schon aus dem Hinterhalt auf die Flanke des Konsuls Marcus Antonius gezielt, war er schon Kollege der Proscription gewesen.

Seneca überspringt nun einige Jahrzehnte und zeigt den vierzigjährigen Augustus, wie er sich schlaflos im Bett wälzt, weil er nicht weiß, was er mit Cinna, der ein Komplott gegen ihn angezettelt hat, anstellen soll. Seine liebe Frau Livia sieht sich das eine Zeitlang an, greift dann aber auf ihre Art ins Geschehen ein -natürlich erfolgreich. Aber diese spannende Geschichte werden Sie gewiß selbst nachlesen. Nur soviel: Mit Strenge hast du bisher nichts erreicht
severitate nihil adhuc profecisti..., das steht im ersten Buch von De clem. Kapitel 9(6) und stammt natürlich von Livia, die nebenher auch Mutter des Tiberius war.

 

 

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