15. Lektion - lectio quinta decima (quindecim 15)


Inhalt:


Einleitung

In der letzten Lektion hörten wir in der Bellum-Gallicum-Lektüre, daß Caesar beschleunigt von Rom aufbrach, um möglichst bald in Gallien nach dem Rechten zu sehen. Was aber hatte er kurz zuvor in Rom getan? Ich erwähnte schon, daß er 59 Konsul war. In der Zeit seines Konsulats brachte er eine Reihe von Gesetzen auf ungesetzlichem Wege durch, die aber von Pompeius befürwortet wurden. Clodius ließ sich mit Caesars und Pompeius' Hilfe in ebendiesem Jahr von einem völlig unbekannten zwanzigjährigen plebejischen "Vater" adoptieren. Pompeius spielte bei dieser Farce den Augur. Als Plebejer konnte der aus höchstem patrizischem Adel stammende "Sohn" Clodius (sein patrizischer Name war Publius Claudius Pulcher, Clodius ist eine Vulgärform von Claudius) Volkstribun werden und sich z.B. für Caesars unbeliebte Gesetze einsetzen -oder auch Cicero in die Verbannung schicken. Durch ein Gesetz des Vatinius erhielt Caesar zunächst die Provinz Gallia Cisalpina mit Illyrien (Ostküste der Adria) für fünf Jahre zugesprochen. Kurze Zeit später erhandelte er sich noch die Provinz Gallia Transalpina, also die heutige Provence und Languedoc. In Gallia Cisalpina (Oberitalien) war nicht viel zu holen, dagegen bot das transalpine Gallien jede Menge Möglichkeiten zu "ruhmreichen" Taten.

Anfang 58 trat Caesar sein Prokonsulat förmlich an. Er warf sich in seine Uniform und überschritt unter Hörnerblasen und Beifallklatschen die geheiligte Stadtgrenze (das Pomerium). Weit ging er nicht. Auch von dieser Seitenlage aus konnte er das Binnengeschehen noch monatelang beobachten und beeinflussen. Clodius hatte sein neues Amt pünktlich mit Jahresbeginn angetreten und begann damit, Rom mit Hilfe seiner Knüttelgarden zu terrorisieren, eine wirkliche Polizei gab es damals in Rom nicht. Noch im Januar stellte er einen Antrag, wonach derjenige der Ächtung verfallen solle, der einen römischen Bürger ohne Gerichtsurteil töte oder getötet habe. Das bezog sich vor allem auf die Hinrichtung der Anhänger Catilinas vor etwa 5 Jahren im Auftrag des damaligen Konsuls Cicero. Clodius' Angriffe auf Cicero wurden immer dreister, und Cicero ging Anfang März freiwillig ins Exil nach Griechenland.
Caesar konnte eilends aufbrechen.


In einem Brief Ciceros an Atticus, Att.VIII 3, aus dem wir einige Zeilen lesen wollen, finden wir diese Ereignisse erwähnt.
Es handelt sich um einen Brief, den Cicero im Februar 49 v.Chr. an seinen Freund schickte. Er wußte nicht, ob er sich für Pompeius oder für Caesar entscheiden sollte und bat Atticus um Rat. Zunächst zählt er die Gründe auf, die für Pompeius sprechen, sodann folgt die Darstellung der Gegenargumente:

Nihil âctum est â Pompêiô nostrô sapienter, nihil fortiter,
addô etiam, nihil nisi contra cônsilium auctôritâtemque meam:
omittô illa vetera, quod istum in rem pûblicam
ille aluit, auxit, armâvit,
ille lêgibus per vim et contra auspicia ferendis auctor,
ille Galliae ulteriôris adiûnctor,
ille gener,
ille in adoptandô P. Clodiô augur,
ille restituendi meî quam retinendi studiôsior,
ille provinciae prôpâgâtor,
ille absentis in omnibus rêbus adiutor;

alô, aluî, altus, alere (er)nähren, wachsen lassen, fördern
augeô, auxî, auctum, augêre
vermehren
adiûnctor, ôris m Hinzufüger
gener, î m Schwiegersohn
prôpâgâtor, ôris m Verlängerer

Nichts ist von unserem Pompeius vernünftig gemacht worden, nichts entschlossen,
ich füge sogar hinzu, nichts, was nicht gegen meinen fundierten Rat gewesen wäre
:
ich will nicht von Vergangenem reden, daß er jenen (Caesar) gegen den Staat
wachsen ließ, ihn stark machte und ihm Waffen in die Hand gab, dadurch
daß er für Gesetze eintrat, die mit Gewalt und gegen die Auspizien einzubringen waren,
daß er das jenseitige Gallien (zu Caesars Provinz) hinzufügte,
daß er (sein) Schwiegersohn (wurde),
daß er bei Clodius´ Adoption Augur (war),
daß er eifriger bemüht war, mich zurückzurufen, als meine Verbannung zu verhindern,
daß er (Caesar die Statthalterschaft) der Provinz verlängerte,
daß er dem Abwesenden in allen Angelegenheiten behilflich war;

Der Brief ist recht lang und sehr aufschlußreich, vielleicht werden Sie ihn einmal ganz -in Übersetzung- lesen. Auf jeden Fall lesen wir abr noch den Anfang des Briefes, denn er deutet uns die Nöte eines Mannes an, der zwischen den Fronten steht und dringend eines Rates bedarf.

Cicerô Atticô Sal.

Mâximîs et miserrimîs rebus perturbâtus, cum côram têcum mihi potestâs deliberandî non esset, ûtî tamen tuô cônsiliô voluî;
dêlîberâtiô autem omnis haec est,
sî Pompeius Italia (ex)cêdat, quod eum factûrum esse suspicor,
quid mihi agendum putês, et, quô facilius cônsilium dare possîs,
quid in utramque partem mihi in mentem veniat, explicâbô brevî.

Cicerô Atticô Sal. = Cicerô Atticô salutem dat (dicit) Cicero grüßt Atticus
côram
Präp.+ Abl. in Gegenwart, angesichts, vor; als Adverb: öffentlich, persönlich
ûtor, ûsus sum, ûtî (aliquâ rê) benützen
dêlîberâtiô, ônis f Erwägung, Überlegung
omnis alles in allem, kurz zusammengefaßt
ex-cêdô, cessî, cessum, cêdere weggehen; excêdat 3.Sg.Konj.Präs.Akt.
su-spicor 1 argwöhnen, vermuten
quô (+ Konj.) damit, desto leitet einen finalen Relativsatz ein. Unten in der Caesar-Lektüre steht quô facilius prohibêre possit damit er desto leichter hindern könne.
in utramque partem nach deiden Seiten, d.h. für und wider Pompejus.
brevî mit wenigen Worten

Von schweren und schrecklichen Ereignissen aus der Fassung gebracht, möchte ich, da mir keine Möglichkeit gegeben ist, mich mit dir persönlich zu beraten, mich dennoch deines Rates bedienen;
kurz zusammengefaßt handelt es sich bei der Beratung um Folgendes,
wenn Pompeius Italien verläßt, was er vermutlich tun wird,
was soll ich dann deiner Meinung nach tun
? Damit du leichter Rat geben kannst,
werde ich kurz erläutern, was mir nach beiden Seiten hin einfällt.


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Grammatik

Wunschsätze und Nachtrag zu velle, nôlle, mâlle

Immer dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das ist Weisheit, -so jedenfalls nach Seneca in Epistel 20,5. Im Original lautet diese Feststellung folgendermaßen:

Quid est sapientia? Semper idem velle atque idem nôlle.

Offenbar bezieht Seneca sich mit dieser Maxime auf eine einzelne stoische Seele, die an ihrer Vervollkommnung arbeitet. Sallust hat mit einem ähnlichen Spruch wenigstens zwei subversive Seelen gemeint, die in fester Freundschaft miteinander verbunden sind. Er läßt Catilina (!) vor seiner Geheimmannschaft im Hinterzimmer seines Hauses verkünden (Cat. 20,4):

Nam idem velle atque idem nôlle, ea demum firma amicitia est.
Denn dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das erst ist feste Freundschaft.

Eigentlich ist es unverständlich, daß Seneca sich derselben Worte bediente, die Sallust etwa 80 Jahre vorher einem der übelsten römischen Terroristen in den Mund gelegt hatte. Aber wie dem auch sei, wir jedenfalls sind wieder bei unseren unregelmäßigen Verben angelangt!

In der letzten Lektion sahen wir schon, daß velim und vellem oft bei Wünschen benutzt werden, und zwar statt des normalerweise eingesetzten utinam wenn doch. Heute wollen wir uns das noch etwas genauer anschauen. Betrachten Sie bitte folgende Tabelle, die das zusammenfaßt, was wir in früheren Lektionen schon über Wunschsätze erfuhren:

Wunschsätze

erfüllbarer Wunsch

Gegenwart

Konjunktiv Präsens

Vergangenheit

Konjunktiv Perfekt

unerfüllbarer Wunsch

Gegenwart

Konjunktiv Imperfekt

Vergangenheit

Konjunktiv Plusquamperfekt


Man hat also in jedem Fall den Konjunktiv zu benutzten -und kann den Wunschsatz zusätzlich mit der Konjunktion utinam einleiten. Verneint werden Wunschsätze immer mit nê.
Der Konjunktiv der Wunschsätze heißt Coniunctivus optativus.

(-eri- bzw. -isse- sind die Kennzeichen von Konj. Perfekt bzw. Konj. Plusquamperfekt. Beim Konjunktiv Imperfekt hängt man einfach die Endungen an den Infinitiv.)

erfüllbare Wünsche:

Gegenwart
In der 4.Lektion hatten wir schon den folgenden Wunschsatz gesehen:
utinam Cicerô dîcat dê êloquentiâ! Spräche Cicero doch über die Beredsamkeit! oder Hoffentlich spricht Cicero über die Beredsamkeit!
Da der Konjunktiv Präsens dîcat benutzt wird, wissen wir, daß der Wunsch erfüllbar ist.
Wenn wir wünschen, daß Cicero mal über was anderes als über die Beredsamkeit spricht, sagen wir:
utinam Cicerô dîcat dê êloquentiâ! Hoffentlich spricht Cicero nicht über die Beredsamkeit!

Vergangenheit
Wenn Cicero seine Rede bereits gestern gehalten hat, dann können Sie sagen: Hoffentlich hat Cicero über die Beredsamkeit gesprochen! Auch im Lateinischen steht in diesem Fall der Konjunktiv Perfekt: utinam Cicerô dixerit dê êloquentiâ!
Und bei Verneinung: utinam Cicerô dixerit dê êloquentiâ! Hoffentlich hat Cicero nicht über die Beredsamkeit gesprochen!
(Und Cicero selbst könnte sagen: nôlim frûstrâ dixerim! Ich möchte nicht, daß ich umsonst geredet habe! oder Hoffentlich habe ich nicht umsonst geredet! Wobei er nôlim anstelle von utinam nê benutzt hat.)

In der Umgangssprache wird bei erfüllbaren Wünschen statt utinam bzw. utinam nê meist velim bzw. nôlim gesagt.

unerfüllbare Wünsche:

Gegenwart
Catull, der so sehr um seinen verstorbenen Bruder getrauert hatte, hat sicher mehr als einmal gewünscht: Wenn mein Bruder doch noch lebte! Er ist aber tot. Natürlich mußte er lateinisch so sagen:
utinam frâter meus vîveret! Dabei ist vîveret der Konjunktiv Imperfekt von vîvere leben.
utinam frâter meus mortuus esset! Wenn mein Bruder doch nicht tot wäre!

Vergangenheit
Mit dem Konjunktiv des Plusquamperfekt formulieren wir einen unerfüllbaren Wunsch der Vergangenheit (in diesem Fall muß immer utinam bzw. vellem stehen):
utinam Rômae mânsisset! Wenn er doch in Rom geblieben wäre! Ist er aber nicht.
Diesen Satz verneinen wir wieder mit nê:
utinam Rômae mânsisset! Wenn er doch nicht in Rom geblieben wäre! Er ist aber geblieben.

In der Umgangssprache wird bei unerfüllbaren Wünschen statt utinam bzw. utinam nê meist vellem bzw. nôllem gesagt.


Imperativ

Über den Imperativ der Verben velle, nôlle, mâlle hatten wir noch nicht gesprochen. Die gute Nachricht ist: volô und mâlô haben keine Imperative, dagegen hat nôlô Imperative im Singular und im Plural.

Wiederholen wir kurz, was wir früher schon über den Imperativ hörten.

(Im Lateinischen gibt es auch im Passiv -bzw. Medium- einen Imperativ: laudâre und laudâmini. Vgl. 1. Satz in Übungen zur Lektüre.)

Imperativ Präsens

Bei den Verben der vokalischen Konjugationen gilt die Regel:

Im Singular ist der Imperativ = Präsensstamm,
im Plural ist der Imperativ = Präsensstamm +
te.

Beispiele:

laudâre
loben: laudâ! lobe! und laudâte! lobet!
dêlêre zerstören: dêlê! zerstöre! und dêlête! zerstört!
audîre hören: auhöre! und audîte hört!
Lazare venî forâs! Lazarus, komm heraus! (Jo 11,43)

Bei der konsonantischen Konjugation muß man im Singular ein kurzes e (Bindevokal) an den Präsens-Stamm hängen, im Plural wird der Bindevokal i benutzt, d.h. man hängt -i-te an den Stamm. (Erinnern Sie sich, daß in dieser Konjugation der Präsens-Stamm auf einen oder mehrere Konsonanten ausgeht, und daß er zugleich Wortstock ist?
Denn Wortstock = Wortstamm - Kennvokal. Wenn kein Kennvokal vorhanden ist, gilt demnach die Gleichung: Worstock = Wortstamm. Vgl. 1.Lektion.
Häufig ist der Präsensstamm auch gleich der Wortwurzel.)

Beispiel:

mittere schicken, mitte! schicke! mittite! schickt!
tollite lapidem! Hebt den Stein hoch! (Jo 11,39; tulêrunt ergo lapidem)
Solvite eum, et sinite abîre!
Bindet ihn los, und laßt ihn weggehen! (Jo 11,44)
sinô, sîvî, situm, sinere lassen, sine! laß!

Die Verben dîcere, dûcere, facere haben im Singular keinen Bindevokal,
d.h. die Imperative lauten: dîc! sage! dûc! führe! fac! mache!
Die Plurale werden normal mit -i-te gebildet: dîcite!, dûcite!, facite!



Imperativ Futur (-Formen, Imperativ II)

Die Formen des Imperativ-Futur drücken wir im Deutschen mit sollen aus.

Beispiele:

laudâtô du sollst loben, er soll loben
laudatôte ihr sollt loben
laudantô sie sollen loben

Es handelt sich jedesmal um Gebote, die in der Zukunft erfüllt werden sollen. Man findet diesen Imperativ II daher vor allem in Gesetzen, Verträgen, allgemeinen Ermahnungen usw.

nocturna latrôcinia nê suntô Nächtliche Einbrüche dürfen nicht stattfinden!
mementô morî ! Denke daran zu sterben (denke ans Sterben)!
nê temere iûrâtô! Schwöre nicht leichtfertig! temere Adv. planlos, leichtfertig

mementô tê hominem esse! Denke daran, daß du ein Mensch bist!
(Das rief der servus publicus dem Feldherrn bei seinem Triumphzug fortwährend zu. Der siegreiche Feldherr fuhr bei dieser Gelegenheit im Prunkwagen, der von vier Schimmel gezogen wurde, vom Marsfeld zum Kapitol. Ein derartiger Triumph war allerdings nicht so einfach zu haben, u.a. mußten nämlich erst einmal mehr als 5000 Feinde getötet werden!)

Nun zu den Imperativen nôlî, nôlîte.
Zusammen mit dem Infinitiv Präsens drücken sie ein Verbot für die 2.Pers. aus.

Beispiele:

nôlî manêre, Catilina! Bleib nicht, Catilina! (Catilina ist Vokativ.)
nôlî mê tangere! Berühre mich nicht! (Joh. 20,17)
nôlîte discêdere, amîcî meî! Geht nicht, meine Freunde!
(amîcî ist Vokativ. Der Vokativ Sing. von amîcus ist aber amîce. Normalerweise ist der Vokativ gleich dem Nominativ, bei den Substantiven der o-Deklination, die auf -us endigen, geht der Vokativ aber auf e aus. Es heißt demnach: quô vâdis, Domine? wohin gehst du, Herr? Bei deus Gott ist der Vokativ aber gleich dem Nominativ.
Das Possessiv-Pronomen
meus, mea, meum wird wie ein Adjektiv auf -us, -a, -um dekliniert, d.h. im Pl. ist Nom. = Vok. Für tuus, a, um gilt dasselbe.)

Wir kennen eine zweite Form des verneinten Imperativs, nämlich nê + Konjunktiv Perfekt, vgl. 4.Lektion (Prohibitiv): nê mâns-eri-s! bleibe nicht!
(-eri- bzw. -isse- sind die Kennzeichen von Konj. Perfekt bzw. Konj. Plusquamperfekt.)

Gebot (Jussiv) und Aufforderung (Hortativ) können aber auch -wie wir in der 4.Lektion sahen- durch den Konjunktiv Präsens ausgedrückt werden:

maneat! er soll bleiben! nê maneat! er soll nicht bleiben (ein Gebot bzw. Verbot für die 3.Pers. heißt Jussiv)
maneâmus! laßt uns bleiben! nê maneâmus! laßt uns nicht bleiben! (ein Gebot bzw. Verbot für die 1.Pers. heißt Hortativ)
eâmus et nôs, ut moriâmur cum eô! Laßt auch uns mitgehen, um mit ihm zu sterben!
(Jo 11,16)


Das unregelmäßige Verb îre

Heute ist eô, iî, itum, îre gehen dran! (Bitte iich bin gegangen zweisilbig sprechen.)
Wichtiger noch als das Verb selbst, sind die zahlreichen Komposita, die überall anzutreffen sind:
trâns-îre überschreiten, ab-îre weggehen, ex-îre herausgehen usw.
Der Präsensstamm war ursprünglich ei-. Vor den dunklen Vokalen (a, o, u) wurde ei- zu e, sonst zu i. Im Perfekt wird ii vor s zu î kontrahiert. Hier ist die Tabelle:

Präsensstamm:

Präsens
Imperfekt
Futur I
Indikativ
Konjunktiv
Indikativ
Konjunktiv
Indikativ

ich gehe
î-s
i-t
î-mus
î-tis
e-u-nt
e-a-m
ich gehe
e-â-s
e-a-t
e-â-mus
e-â-tis
e-a-nt
î-ba-m
ich ging
î-bâ-s
î-ba-t
î-bâ-mus
î-bâ-tis
î-ba-nt
î-r-e-m
ich ginge
î-rê-s
î-re-t
î-rê-mus
î-rê-tis
î-re-nt
î-b-ô
ich werde gehen
î-b-i-s
î-b-i-t
î-b-i-mus
î-b-i-tis
î-b-u--nt

 

Perfektstamm:

Perfekt
Indikativ
i-î, î-stî, i-it, i-imus,
î-stis, i-êrunt
ich bin gegangen
 
Konjunktiv
i-eri-m, i-eri-s, i-eri-t,
i-eri-mus,i-eri-tis,i-eri-nt
ich sei gegangen
Plusquamperfekt
Indikativ
i-era-m, i-erâ-s, ...
ich war gegangen
 
Konjunktiv
î-sse-m, î-ssê-s, ...
ich wäre gegangen
Futur II
Indikativ
i-er-ô, i-eri-s, ...
ich werde gegangen sein
Infinitiv Perfekt
Infinitiv Futur
 
i-sse
i-tûrum, am, um esse
gegangen sein
gehen werden
Part. Präsens
Part. Futur
 
i-ens, Gen.: e-untis
i-tûrus, a, u
gehend
gehen werdend
Gerundium
 
G: e-und-î , D: e-und-ô
Akk.: ad e-und-um
Abl. e-und-ô
des Gehens, dem Gehen
zum Gehen
durch das Gehen

 

 

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Lösungen:

 

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Lektüre

Caesar denkt nicht daran, den Helvetiern den Durchzug zu gestatten. In aller Eile läßt er einen fast 30 km langen und ungefähr 5 m hohen Damm errichten.

BG I 7,4-8,4

1.

Caesar, quod memôriâ tenêbat L. Cassium consulem occîsum exercitumque eius ab Helvêtiîs pulsum et sub iugum missum, concedendum nôn putâbat;

2.

neque hominês inimîanimô datâ facultâte per prôvinciam itineris faciundî temperâtûrôs ab iniûriâ et maleficio exîstimnâbat.

3.

Tamen, ut spatium intercêdere posset, dum mîlitês quôs imperâverat, convenîrent, lêgâtîs respondit, diem sê ad dêlîberandum sumptûrum:

4.

sî quid vellent, ad Îdûs Aprîlês reverterentur.

5.

Interea eâ legiône, quam sêcum habêbat, mîlitibusque, quî ex prôvinciâ convênerant, â lacû Lemannô, quî in flûmen Rhodanum înfluit, ad montem Iûram, quî fînês Sequanôrum ab Helvêtiîs dîvidit, milia passuum decem novem mûrum, in altitûdinem pedum sêdecim, fossamque perdûcit.

6.

Eô opere perfectô praesidia dispônit, castella commûnit, quô facilius, sî sê invîtô trânsîre cônârentur, prohibêre possit.

 

 

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Übersetzung

wörtliche Übersetzung:

1.

Caesar, weil im Gedächtnis er hielt, Lucius Cassius der Konsul getötet und das Heer dessen von den Helvetiern geschlagen und unter das Joch geschickt (sei), zuzugeben er nicht glaubte;

2.

und nicht Menschen von feindlicher Gesinnung bei gegebener Möglichkeit durch die Provinz zu marschieren sich enthalten würden von Unrecht und Feindseligkeit er glaubte.

3.

Dennoch, damit eine Zeitspanne dazwischentreten könnte, bis die Soldaten, die er angefordert hatte, zusammenkämen, den Unterhändlern er antwortete, eine Frist er zum Nachdenken nehmen werde:

4.

wenn etwas sie wollten, um die Iden des April herum sie sollten zurückkehren.

5.

Inzwischen mit derjenigen Legion, die er mit sich hatte, und mit den Soldaten, die aus der Provinz zusammengekommen waren, vom See Genfer, der in den Fluß Rhône hineinfließt, zum Gebirge Jura, das das Gebiet der Sequaner von den Helvetiern trennt, tausend Schritte zehn neun eine Mauer, in die Höhe von Fuß sechzehn, und einen Graben er zieht.

6.

Nach Abschluß dieses Werkes Wachtposten er verteilt, Kastelle er befestigt, damit desto leichter, wenn wider seinen Willen hinüberzugehen sie versuchten, abhalten er könne.

 

freie Übersetzung:

Weil Caesar sich erinnerte, daß der Konsul Lucius Cassius von den Helvetiern getötet und sein Heer von ihnen geschlagen und unter das Joch geschickt worden war, glaubte er, die Erlaubnis nicht geben zu dürfen;
auch glaubte er nicht, daß Menschen von feindlicher Gesinnung sich der Gewalttat und der Feindseligkeit enthalten würden, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben werde, durch die Provinz zu ziehen.
dennoch, um Zeit zu gewinnen, bis die Soldaten, die er angefordert hatte, einträfen, antwortete er den Gesandten, er wolle sich Bedenkzeit nehmen:
wenn sie etwas wünschten, sollten sie so um den 13. April wiederkommen.
Unterdessen läßt er von der Legion, die er bei sich hatte, und den Soldaten, die aus der Provinz eingetroffen waren, vom Genfer See an, der in die Rhône abfließt, bis zum Jura, der das Gebiet der Sequaner von dem der Helvetier trennt, einen Damm von ca. 5 Metern Höhe und etwa 30 km Länge sowie einen Graben anlegen.
Nach Abschluß der Arbeit stellt er an verschiedenen Punkten Wachtposten auf und legt Schanzen an, um die Helvetier leichter aufhalten zu können, wenn sie gegen seinen Willen versuchen sollten, hinüberzugehen.

 

 

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Worterklärungen

Verben

occîdô, occîdî, occîsum, occîdere töten (spr. ok-kî-sum)
pellô, pepulî, pulsum, pellere schlagen, antreiben (den Puls fühlen)
respondeô, respondî, respônsum, respondêre antworten
inter-cêdô, cessî, cessum, cêdere dazwischentreten
revertor, revertî Dep. 3.Konj. zurückkehren
dis-pônô, posuî, positum, pônere planmäßig verteilen
com-mûniô, mûnîvî, mûnîtum, mûnîre befestigen, verstärken

Sonstige Wörter und Erklärungen

iugum, î n das Joch (sub iugum mittere unter das Joch schicken war eine besonders demütigende Beleidigung für ein geschlagenes römisches Heer: aus drei Lanzen wurde ein Tor gebastelt, und die Besiegten hatten ohne Waffen hindurchzugehen. Die erwähnte Niederlage erlitten die Römer 107 v.Chr.)
temperâre ab iniûriâ sich der Gewalttat (Unrecht) enthalten
facultâs itineris faciundî (= faciendî) die Erlaubnis, eine Reise zumachen
tamen dennoch
spatium intercêdit ein Zeitraum verstreicht (spr. spa-ti-um)
dum + Konj. bis in einem Temporalsatz mit finalem Sinn
ad dêlîberandum zum Nachdenken
inter-eâ Adv. inzwischen, unterdessen (spr. in-te-re-â)
praesidium, î n Schutz, Besatzung, Wachtposten
praesidia dispônere Wachtposten verteilen
castellum, î n befestigter Platz, fester Turm, Schanze, Kastell
quô + Konj. damit desto
mê invîtô wider meinen Willen


Zeile 1
HS: Caesar putâbat nôn concedendum (esse) Caesar glaubte, daß es nicht erlaubt werden dürfe. Der von quod weil eingeleitete Nebensatz gibt den Grund an für Caesars Ablehnung. Von memoriâ tenêre im Gedächtnis haben hängt ein doppelter a.c.i. ab, deren Subjekte L. Cassium und exercitum sind. Dazu gehören drei Prädikate (Inf.Perf.Pass.): occisum (esse), pulsum (ese) und missum (esse).

Zeile 2

Von exîstimâbat hängt ein a.c.i. ab: hominês ... temperâtûrôs (esse) daß Menschen vermeiden würden. tempetrâtûrum esse ist wieder Infinitiv Präsens der Coniugatio periphrastica mit der Funktion eines Infinitiv Futur. Der Ablativ inimîcô animô von feindlicher Gesinnung gehört zu hominês.
datâ facultâte nachdem (wenn) die Möglichkeit gegeben ist ist Ablativus aboslutus.

Zeile 3

Die drei Nebensätze ut ... posset (Finalsatz), dum ... convenîrent (Temporalsatz), quôs ... imperâverat (Relativsatz) betrachten wir zum Schluß. Beginnen wir mit dem Hauptsatz:

HS: (Caesar) respondit Caesar hat geantwortet (3.Sing.Ind.Perf.Akt.). Der folgende daß-Satz ist ein a.c.i. sê ... sumptûrum (esse) daß er nehmen werde mit dem Objekt diem Tag, Frist. Aus dem Zusammenhang geht hervor, daß es sich nicht um einen Tag handeln kann. Also: er wolle sich eine Frist zum Nachdenken nehmen.
Jetzt zu den Nebensätzen.
1. ut spatium intercêdere posset (Konj. Impf.) damit eine Zeitspanne verstreichen könnte
2. dum mîlitês convenîrent (Konj. Impf.) bis die Soldaten zusammenkämen
3. quôs imperâverat die er angefordert hatte, imperâverat ist 3.Sing.Ind.Plqupf.Akt., quôs ist Objekt zu imperâverat.

Zeile 4

Hier steht in indirekter Rede (ôrâtiô oblîqua), was Caesar den Unterhändlern sagen ließ.
reverterentur
ist der Form nach Passiv (3.Pl.Konj.Impf.Dep.), da es aber ein Deponens der 3.Konj. ist, muß es aktivisch übersetzt werden: sie sollten zurückkehren. Nach sî quid vellent (Bedingungssatz) hat man ein ut einzufügen, welches den Konjunktiv reverterentur bewirkt. Vervollständigt sagt der Satz also:
Caesar lêgâtîs respondit: Si quid vellent, ut ad Îdûs Aprîlês reverterentur.
(An den milmo-Monaten, d.h. März, Iuli, Mai, Oktober, fallen die Nônae auf den 7., die Îdûs auf den 15. Tag, sonst zwei Tage früher. Im April also auf den 5. bzw. den 13. Tag. Der Tag vor diesen Tagen wird durch prîdiê + Akk. bezeichnet. prîdiê Îdûs Aprîlês = 12. April.)

Zeile 5

Suchen wir erst einmal das Huptverb der Periode, es steht ganz am Ende: perdûcit er (Caesar) zieht. Wen oder was zieht Caesar? Eine Mauer (Damm), mûrum, und einen Graben, fossam.
Die Mauer wird näher beschrieben: in altitûdinem pedum sêdecim 16 Fuß in die Höhe (das sind etwa 5 Meter, denn ein pês, pedis m hatte etwa 30 cm; pedum = Gen.Pl.), die Länge der Mauer betrug mîlia passuum decem novem = decem novem mîlia passuum = 19 000 Schritte ~ 30 km (mîlle passûs = 1 römische Meile = 1,5 km; passus, ûs m Schritt. Napoleon III hatte versucht, diesen nicht kleinen Damm zu finden.) Er begann nach Caesars Angaben bei Genf und reichte bis an eine Stelle, an der der Jura dicht an die Rhône heranreicht.
Grammatisch gehört die Angabe mîlia passuum decem novem nicht zu mûrum, sondern zu perdûcit und antwortet auf die Frage wie lang? wie weit? (Statt mit Hilfe des Akkusativs mîlia hätte man die Längenbezeichnung auch mit einem Ablativ ausdrücken können: mîlibus passuum decem novem. Die Dicke der Mauer wird nicht angegeben. Auf die Frage wie dick? steht der Ablativus qualitatis crassitudine, d.h. von der Dicke.)
Die "Instrumente", mit denen Caesar diesen Damm anlegen ließ, waren seine (10.) Legion, die er bei sich hatte, und die Soldaten, die aus der Provinz eingetroffen waren. Sie stehen natürlich im Ablativ.
Nun gibt es noch einige Relativsätze, die nähere Bestimmungen enthalten: quam secum habebat;
qui ex provincia convenerant; qui in flumen R. influit; qui fines.. dividit.
Fällt Ihnen auf, daß der Lateiner den Genfer See in die Rhône fließen läßt? Wir übersetzen influit unserer Auffassung entsprechend mit er fließt ab.

Zeile 6

eô opere perfectô nachdem dieses Werk abgeschlossen war ist Ablativus absolutus (Nom. id opus) und leitet den Hauptsatz (Caesar) .. dispônit (et) .. commûnit C. verteilt und verstärkt ein. Auf den Finalsatz quô facilius prohibêre possit (Helvetiôs) damit er (die Helvetier) desto leichter hindern könne habe ich schon oben in der Einleitung hingewiesen. Der Bedingungssatz sî sê invîtô trânsîre cônârentur (3.Pl.Konj.Impf.Dep.) ist in den Finalsatz eingeschoben worden.

 
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Lösungen:

 

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Anhang

Die Taten des Augustus ( Rês Gestae Dîvî Augustî )

In der 14.Lektion gab´s über Augustus eine Anekdote, die wenig oder garnichts über den Kaiser sagte. Wer Augustus war, kann auch nicht in wenigen Worten geschildert werden. Sicher ist, daß er als erfolgreicher, oft grausamer, jugendlicher Heerführer startete und Italien in eine Zeit des Friedens führte. Er wollte nicht König sein, benahm sich aber wie ein solcher. Er war eine Einmannregierung und gab vor, sich an republikanischen Prinzipien zu orientieren. Er liebte und förderte die Kunst, schreckte jedoch nicht davor zurück, in den Jahren seines Aufstiegs ganz unpoetisch hunderte von Menschen ermorden zu lassen. In späteren Jahren muß er Gewissenbisse gekannt haben.
In den Jahren vor seinem Tod begann er damit, eine Art Rechenschaftsbericht zu verfassen, der später auf zwei Bronze-Pfeilern vor seinem Mausoleum in Rom für alle Zeiten festgehalten werden sollte. Sie sind verschwunden. Was sich erhalten hat, sind Reste von Kopien, die man in einigen kleinasiatischen Städten (Apollonia, Antiochia usw.) gefunden hat. Der bedeutendste Fund stammt aus dem Jahr 1555. In Ankara, dem alten Ankyra, fand man an der Außenwand eines ehemaligen Tempels der Roma und des Augustus den fast vollständigen Text der Rês Gestae Dîvî Augustî (Die Taten des göttlichen Augustus) in griechischer Sprache.
Als Adoptivsohn Caesars hieß er zunächst Dîvî Fîlius, Sohn des göttlichen Caesar, nach seinem Tode wurde er aber selbst zum Gott deklariert. Zweifellos hat sein Regierungsstil in nicht geringem Maße die Katastrophen unter den nachfolgenden kaiserlichen Tyrannen vorbereitet. Das römische Volk hatte sich derart an seinen väterlichen Herrscher gewöhnt, daß es gar nicht mehr wußte, was eigentlich Freiheit oder Demokratie sein konnten. Der römische Historiker Tacitus (55-120 n.Chr.) sah in Augustus eher einen Despot, der unter dem Deckmantel eines Pater Patriae das römische Volk entmündigte.
Schauen wir uns aber jetzt einige Passagen aus den Res Gestae an. Wenn Sie einmal die Ankara-Inschrift (Monumentum Ankyranum) selbst sehen, wenigstens auf einem Foto, so werden Sie feststellen, wie sehr die Buchstaben gelitten haben. Außerdem enthält die Wand Löcher fast jeder Größe.
Sie können den rekonstruierten lateinischen Text auch im Internet finden, z.B. in

http://www.csun.edu/~hcfll004/resgest.html

Ich habe daraus für Sie die beiden letzten Abschnitte kopiert, mit Längenzeichen versehen und einige Schreibfehler korrigiert. Ich füge auch einige Erklärungen bei, aber im Großen und Ganzen ist der Text nicht allzu schwierig zu übersetzen. Die Klammern [...] habe ich nicht entfernt, damit Sie sich ein Bild davon machen können, mit welchen Schwierigkeiten eine Rekonstruktion des Originaltextes zu kämpfen hat.

34. In cônsulâtû sextô et septimô, po[stquam b]ella [cîvîl]ia exstînxeram, per cônsênsum ûniversôrum [potîtus rêru]m om[n]ium, rem pûblicam ex meâ potestâte ~ in senât[ûs populîque Rôm]ânî [a]rbitrium trânstulî. Quô prô meritô meô senâtû[s cônsultô Au]gust[us appe]llâtus sum et laureîs postês aedium meârum v[estîtî] publ[icê corônaq]ue cîvica super iânuam meam fixa est ~ [et clu]peus [aureu]s in [c]ûria Iûlia posîtus, quem mihi senatum pop[ulumq]ue Rôm[ânu]m dare virtûtis clêment[iaequ]e iûstitiae et pietâ[tis caus]sa testâtu[m] est pe[r e]ius clupei [înscrîptiôn]em. Post id tem[pus a]uctôritâte [omnibus praestitî, potest]âtis au[tem n]ihilo ampliu[s habu]î quam cêt[erî quî m]ihi quôque in ma[gis]trâ[t]û conlêgae f[uêrunt].

ex-(s)tinguô, înxî, înctum , 3 auslöschen
potior, tîtus sum, potîrî + Gen. Macht besitzen
laurea, ae f Lorbeer (kranz)
postis, is m Türpfosten, im Plural Tür
aedês, is f Zimmer, Tempel; im Pl. Wohnhaus
corôna cîvica Bürgerkrone, sie wurde dem verliehen, der Menschenleben gerettet hatte. Augustus erhielt ein c.c. wegen seiner Milde (clêmentia) nach Actium.
clupeus = clipeus, î m Rundschild
prae-stô, stitî, stâtûrus, stâre übertreffen
nihil amplius nicht mehr
in magistrâtû quôque in jedem Amt
conlega = collega

 

34. In meinem 6. und 7. Konsulat (28-27 v.Chr.), nachdem ich den Bürgerkrieg erstickt hatte, durch allgemeinen Konsens die Macht über alles besaß, habe ich den Staat aus meiner Amtsgewalt in die Herrschaft von Senat und römischem Volke übergeben.
Für dieses mein Verdienst wurde ich durch Senatsbeschluß Augustus genannt, die Türen meines Tempels wurden öffentlich mit Lorbeer geschmückt, eine Bürgerkrone wurde über meiner Tür befestigt, ein goldener Rundschild wurde in der Curia Iulia angebracht, und durch dessen Inschrift ist dokumentiert, daß der Senat und das römische Volk ihn mir gegeben haben für Tapferkeit, Milde, Gerechtigkeit und Frömmigkeit.
Seit dieser Zeit übertraf ich alle an Autorität, aber ich verfügte nicht über mehr Macht als die übrigen, die in jedem Amt (Magistrat) meine Kollegen waren.

35. Tertium dec[i]mum cônsulatu[m cum gerêba]m, senâ[tûs et e]quester ôrdô populusq[ue] Rômânus ûniversus [appell]âv[it mê pat]re[m p]atriae idque in vestibu[lô a]edium meârum înscrîbendum et in c[û]riâ [Iûliâ e]t in forô Aug. sub quadrig[î]s, quae mihi ex s.c. pos[ît]ae [sunt, decrêvit. Cum scrî]psî haec, annum agêbam septuâgêsimum sextum.

gerô, gessî, gestum, gerere tragen, ausführen (rês gestae Taten)
ôrdô, inis m
Reihe, Abteilung, Stand
equester, tris, tre Reiter..., Ritter ...; ôrdô equester
Ritterstand
aedês, is f Zimmer, Tempel; im Pl. Wohnhaus
quadrîgae, ârum f Viergespann (im Singular selten); quadrigeîs = quadrigîs
s.c. = senâtûs cônsultum
dê-cernô, crêvî, crêtum, dê-cernere
entscheiden, zuerkennen
septuâgêsimus 3 der siebzigste

35. Als ich mein dreizehntes Konsulat ausübte (2 n.Chr.), nannten mich der Senat, der Ritterorden und das gesamte römische Volk Vater des Vaterlandes und bestimmten, daß dies in der Vorhalle meines Tempels, in der Curia Iulia und im Forum des Augustus, unterhalb der Quadriga, die mir durch Senatsbeschluß
(s.c. = senâtûs cônsultum) aufgestellt worden war, einzumeißeln sei.
Als ich dies schrieb, war ich im 76. Jahr.

Der griechische Text der Res Gestae war gar nicht einfach zugänglich. Er steht auf 19 Marmorplatten, die zum großen Teil von der Wand eines türkischen Hauses bedeckt waren, das direkt an die Tempelwand gebaut worden war. Im letzten Jahrhundert hatte der englische Reisende Hamilton 5 Platten -und Reste einer weiteren- abgeschrieben. 12 weitere Platten wurden von den Franzosen Perrot und Guillaume unter größten Schwierigkeiten, teils bei Kerzenlicht, kopiert. Sie konnten nur durch das türkische Haus hindurch an die Inschrift gelangen. Man kann sich vorstellen, daß die Hausbewohner nicht sehr von den Franzosen begeistert waren, die sich in ihrem Schlafzimmer breitmachten und sogar die Wand aufbrachen, um den schwer lädierten griechischen Text entziffern zu können. Die 9. Platte konnten sie nicht lesen, da sie sich hinter einer tragenden Teilwand befand.
Viele Lücken im lateinischen Text konnten mit Hilfe der griechischen Inschrift geschlossen werden, oftmals lieferte sie ganze Paragraphen, von denen keinerlei lateinische Reste überliefert waren. Vermutlich war auch eine vollständige lateinische Kopie im Tempelinnern angebracht, aber von ihr ist nichts erhalten. (Da die Bewohner der Provinz Galatien nur schlecht Lateinisch verstanden, hatte man die griechische Übersetzung an der Außenwand angebracht, so daß jedermann sie lesen konnte. Bekannt sind die Galater auch durch Paulus' Brief an die Galater.)

Das gesamte Dokument muß natürlich mit einigem Mißtrauen studiert werden, denn letzten Endes ist es nichts anderes als eine Propagandaschrift, in der Dinge behauptet werden, die einerseits stimmen, andererseits aber so nicht dargestellt werden dürften. Heutzutage brauchen Politiker keine Steinmetzen mehr zu beauftragen, um ihre Res Gestae ansprechend verpackt darzustellen, das von ihnen beauftragte Fernsehen macht das wesentlich geschickter.

 

Mit einer Schilderung der Regierungszeit des Augustus beginnt Tacitus seine Annalen.
Im ersten Buch beginnt er das 2.Kapitel mit einer knappen Darstellung des politischen Umfeldes (Brutus, Cassius, Sextus Pompeius, Antonius -alle waren nicht mehr) zur Zeit der Machtübernahme durch Octavian und hebt drei Hauptpunkte seiner Taktik hervor:

1. Geschenke für die Soldaten
2. Getreidespenden an das Volk
3. Frieden für alle.

Nachdem er die Realisierung dieser Punkte eingeleitet hatte, stieg er allmählich hoch, însurgêbat paulâtim, und zog die Befugnisse des Senats, der Behörden und des Gesetzgebers an sich, trahêbat in sê: mûnia senâtûs, magistrâtum, lêgum- ohne daß sich jemand widersetzte, nûllô adversante. Denn die Tapfersten waren in den Kämpfen oder durch die Proskriptionen (von Octavian unterzeichnet und vermutlich sogar verfaßt) ums Leben gekommen: ferôcissimî aut per aciês aut prôscrîptiône cecidissent.

In Ann. I,5 schildert Tacitus schließlich den Tod des Herrschers.

In der nächstenLektion werden wir sehen, wie Seneca die Res Gestae in seine Farçe über Die Verkürbissung des Kaisers Claudius eingebaut hat.

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